KAUFEN oder NICHT : Reaktionär auf Reisen

DAS TESTURTEIL0 Punkte: Hände weg und alle Bekannten warnen, 5 Punkte: Noch mal drüber schlafen, 10 Punkte: Sofort kaufen

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Foto: promo
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Wenn wir die Koffer mit Gewalt doch noch zugebracht haben, wenn wir zum Flughafen gehetzt sind, den Abfertigungsschalter gefunden und die Waage erreicht haben, kommt der Moment der Wahrheit. Ich weiß, mindestens ein Koffer ist zu schwer. Es ist immer mindestens ein Koffer zu schwer. Aber früher sah die Abfertigungsdame freundlich lächelnd darüber hinweg, und heute zückt sie schon bei der minimalsten Übertretung den Quittungsblock.

Da die Nerven ohnehin blank liegen, fällt es mir schwer, die Strafzahlung gleichmütig zu entrichten. Ich könnte denken, dass der Urlaub begonnen hat und auf mich in den nächsten Tagen viele überflüssige Ausgaben zukommen werden, so dass es auf diese auch nicht ankommt. Das steinharte Brot im Strandlokal zum Beispiel, das ich nicht bestellt habe und eigentlich auch gar nicht will. Aber stattdessen denke ich an all die Dinge, die Fluggesellschaften nicht mehr für einen machen. Einchecken soll man am Automaten, Essen gibt es sowieso nicht mehr, Kopfhörer muss man kaufen.

Was wäre also, wenn wir die Koffer vor der Abreise wiegen würden, zum Beispiel mit der Kofferwaage LS10 von Beurer (aktuell ab etwa zwölf Euro bei Onlinehändlern erhältlich). Auf den ersten Blick ist die Idee ja pfiffig: An einer Art Aluminiumkolben, den man waagerecht hält, hängt eine weiße Schlaufe, in die man den Koffergriff einklinken kann. Die Digitalanzeige funktioniert bestens, und sogar eine Taschenlampe ist integriert.

Trotzdem ist das Ding total unpraktisch: Ich weiß genau, dass diese Waage nie zur Hand wäre, wenn man sie wirklich braucht. Und wenn sie tatsächlich auffindbar wäre, hätten bestimmt die drei Knopfzellen, die es natürlich nicht im Supermarkt gibt, längst den Geist aufgegeben.

Überhaupt: Muss es für alles batteriegetriebene Geräte geben? Vom Milchschäumer bis zum Fieberthermometer? Ich bin mit einem altmodischen Thermometer aufgewachsen: eine Quecksilbersäule in einem Glaskolben. Vermutlich hat es meine Mutter in den 50er Jahren gekauft, jedenfalls hat es jahrzehntelang tadellos funktioniert, bis es in einer meiner WGs verschwand. Die Zeiten sind vorbei, inzwischen kaufen wir mindestens alle zwei, drei Jahre ein neues Thermometer, das piept und leuchtet. Aber ist das besser? Nachhaltiger? Ökonomischer?

Vermutlich ist es nicht nur die Kofferwaage, sondern der bevorstehende Abreisestress, der aus mir einen Reaktionär macht. Die schönste Zeit des Jahres bringt eben nicht nur die schönsten Seiten des Menschen hervor. Wen das Prinzip der elektronischen Kofferwaage nicht abstößt, wer im Gegenteil Gefallen an einer technisch ausgereiften Lösung findet, dem sei sie wärmstens empfohlen.

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