Kaufhäuser in der Krise : Pokerspiel mit hohem Einsatz

Arcandor und Verdi erhöhen den Druck auf die Bundesregierung. Experten glauben nicht an eine staatliche Bürgschaft.

David C. Lerch
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Arcandor-Zentrale: Die Karstadt-Mutter will eine Bürgschaft von 650 Millionen und einen Kredit über 200 Millionen Euro. Foto: dpa

Düsseldorf - Seit Tagen ist Hellmut Patzelt unterwegs. Quer durch die Republik besucht er die 91 Filialen der Arcandor- Tochter Karstadt und sammelt bei den Kunden Unterschriften für die Rettung der traditionsreichen Warenhauskette. Am Mittwoch um 14 Uhr endet die Reise des Betriebsratsvorsitzenden von Karstadt – in der Scharnhorststraße in Berlin-Mitte, direkt vor dem Bundeswirtschaftsministerium. Dorthin hat die Gewerkschaft Verdi alle Beschäftigten von Arcandor zu einer Demonstration aufgerufen. Mehr als 5000 Arbeitnehmer sollen dazu mit 100 Bussen in die Hauptstadt reisen. In einem der Busse wird Hellmut Patzelt sitzen, bis dahin will er 750 000 Unterschriften gesammelt haben.

Wenn die Mitarbeiter vor dem Ministerium demonstrieren, steht drinnen wohl der Antrag ihres Unternehmens auf der Tagesordnung. Am Montag bestätigte die Bundesregierung, dass sich der interministerielle Bürgschaftsausschuss diese Woche erstmals mit Arcandor beschäftigen wird. Die Entscheidung über Staatshilfe fällt allerdings erst im Lenkungsausschuss unter Vorsitz des Wirtschaftsministeriums und der trifft sich erst in der kommenden Woche wieder, wie ein Sprecher der Behörde erklärte.

Viel Zeit bleibt dann nicht mehr. Um einer Insolvenz zu entgehen, ist Arcandor darauf angewiesen, dass die Hausbanken einen Kredit über 650 Millionen Euro bis zum 12. Juni verlängern und das erscheint ohne staatliche Sicherheit derzeit nicht möglich. Deshalb fordert der Essener Konzern inzwischen in aller Deutlichkeit eine staatliche Bürgschaft über 650 Millionen Euro sowie einen Kredit von 200 Millionen Euro. Das Motto lautet: Geld her oder wir schließen die Warenhäuser.

Das Pokerspiel zwischen Arcandor und der Bundesregierung dauert nun schon einige Wochen. Doch in den vergangenen Tagen hat sich der Ton zunehmend verschärft. Konzernchef Karl-Gerhard Eick setzt der Regierung die Pistole auf die Brust: „Voraussetzung für alles Weitere ist eine Bürgschaft des Staates“, sagte Eick der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“.

Eicks Hilferuf stieß am Montag auf deutliche Kritik. „Es ist unerträglich, wie Herr Eick versucht, die Politik unter Druck zu setzen“, sagte der Vorsitzende des Bundes der Jungen Unternehmer, Dirk Martin. Laurenz Meyer (CDU) kritisierte Managementfehler von Arcandor, die man nicht auf die Steuerzahler abwälzen könne. Ähnlich äußerte sich auch Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD): „Wir sehen jetzt, dass große Unternehmen strukturelle Probleme, die sie auch ohne die Finanzkrise gehabt hätten, versuchen, auf Kosten der Steuerzahler aufzulösen.“

Auch die Anleger an der Börse reagierten drastisch auf die ungewisse Zukunft von Arcandor. Gleich zu Börsenauftakt stürzte die Aktie ab und verlor fast ein Viertel an Wert. Am Abend ging das Papier mit einem Minus von fast 20 Prozent und einem Kurs von 1,77 Euro aus dem Handel.

Schuld an der Zuspitzung ist auch der Arcandor-Konkurrent Metro. Die Düsseldorfer erklärten in der vergangenen Woche die Bereitschaft zu einer Fusion ihrer Warenhaustochter Kaufhof mit Karstadt und signalisierten damit der Bundesregierung: Es geht auch ohne Steuergelder. „Metro versucht, das Bemühen von Arcandor um Staatshilfe zu torpedieren“, sagt Herbert Kuhn von der Unternehmensberatung Trade Dimensions. Handelsexperten zweifeln auch an der Rechtmäßigkeit einer Bürgschaft für Arcandor. „Die Staatshilfe wird nicht kommen, weil Arcandor nicht erst seit der Finanzkrise Probleme hat“, sagte ein Kenner der Branche, der anonym bleiben will. Dazu sei eine privatwirtschaftliche Lösung durch eine Fusion mit Kaufhof für die Regierung deutlich attraktiver. Das bestätigt Herbert Kuhn: „Durch die Intervention von Metro sind die Bürgschaften für Arcandor unwahrscheinlicher geworden.“

Betriebsrat Patzelt sieht das anders. Man tue alles, um diese Krise eigenständig zu meistern, versichert er kämpferisch. „Die Bürgschaften, die wir wollen, werden wir zurückzahlen.“

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