Wirtschaft : Kein Comeback für die Dose

Neue Regeln für Einwegverpackungen haben der Weißblechbüchse nicht geholfen / Absatz teilweise um 90 Prozent gesunken

Nils-Viktor Sorge

Düsseldorf - Das von Einzelhandel und Teilen der Getränkeindustrie erhoffte Comeback der Dose ist offenbar gescheitert. Seit dem Start des neuen Rücknahmesystems für Einwegverpackungen vor knapp 100 Tagen stagniere der Dosenanteil auf dem Biermarkt bei unter einem Prozent in Supermärkten, sagte GfK-Getränkeexperte Günter Birnbaum dem Tagesspiegel.

Im Rahmen einer Studie zum Pflichtpfand berichten 20 000 Haushalte kontinuierlich über ihr Einkaufsverhalten an die Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) in Nürnberg. Vor Einführung des Pflichtpfandes 2002 habe der Dosenanteil beim Bier bei über 20 Prozent gelegen. „Bei den nicht alkoholischen Getränken ist der Dosenanteil statistisch kaum noch messbar“, sagte Birnbaum.

Seit dem 1. Mai dieses Jahres können Einwegflaschen und -dosen in allen Supermärkten zurückgegeben werden, die diese Verpackungsarten selbst im Regal haben. Von der neuen Regel hatten sich Großbrauereien, der Einzelhandel und Teile der Verpackungsindustrie eine rasche Rückkehr der Dose in die Regale versprochen. Handelskonzerne wie Metro, Rewe und Edeka hatten erklärt, in den ersten Monaten nach dem Start des neuen Rücknahmesystems das Kundenverhalten zu analysieren und zu entscheiden, welche Verpackung in ihren Regalen eine Zukunft hat.

Für die Weißblechbüchse sieht es da nicht gut aus. „In den meisten Regionen hat es keine Renaissance der Dose gegeben“, sagte Edeka-Sprecher Alexander Lüders dem Tagesspiegel. „Gerade beim Bier greifen die Kunden weiter lieber zu Mehrweg.“ Hausinterne Zahlen, die diesen Trend bestätigen, lägen aber noch nicht vor. Der Metro-Konzern mache ähnliche Erfahrungen, sagte der Sprecher der Metro-Ketten Real und Extra, Markus Jablonski. Man sei allerdings noch in einer Eingewöhnungsphase. Bei Rewe (Toom, Minimal, Penny) sei eine etwas gestiegene Nachfrage nach Dosen zu erkennen, sagte Sprecher Andreas Krämer, langfristig werde die Dose jedoch ein „Randsortiment“ bleiben.

Vor allem bei großen Brauereien war die Dose vor dem unter Umweltminister Jürgen Trittin eingeführten Pflichtpfand im Januar 2003 beliebt. Sie sahen sich mit immer neuen Abfüllanlagen in der Lage, die Preise zu drücken und damit kleine Wettbewerber vom Markt zu verdrängen. Um die ersehnte Rückkehr goldener Dosenzeiten zu beschleunigen, hatte etwa die Hamburger Holsten-Brauerei zum Start der neuen Pfandregel in TV- Spots erstmals Dosenbier beworben.

Anstelle von Dosen legten die Verbraucher nun jedoch häufiger Flaschen in den Einkaufswagen, haben Händler und die GfK festgestellt. Besonders schmerzhaft für die Dosenindustrie ist das auf dem entscheidenden Biermarkt. „Billigbier in Pfandflaschen ist dort eine starke Konkurrenz für die Dose geworden“, sagte GfK-Marktforscher Birnbaum. Vor allem ehemalige Dosenbiertrinker greifen unvermindert zu Flaschen von Oettinger oder Sternburg. „Eine Glasflasche erhöht offenbar den gefühlten Wert des Produkts. Das gibt vielfach den Ausschlag“, sagte Birnbaum. Auch Einwegglasflaschen setzten der Dose zu. Bei Cola, Limonaden und Mineralwasser verbucht der Dosenanteil ebenfalls keine großen Zuwächse. „Dort erleben wir einen Siegeszug der wiederverschließbaren Plastikeinwegflasche.“

Die Dosenindustrie will weiter für ihr Produkt kämpfen. Der deutsche Marktführer Ball Packaging Europe kündigte an, die millionenschwere Kampagne „Can open“ des Verbandes der europäischen Getränkedosenhändler fortzusetzen. Mit Fernsehspots auf den Musikkanälen MTV und Viva sowie „Fun-Events“ in Beach Clubs versucht die Branche junge Verbraucher anzusprechen. „Uns ist ein großer Teil der Zielgruppe verloren gegangen. Junge Leute aus einigen Jahrgängen kennen die Dose kaum noch“, sagte Bull-Packaging-Sprecherin Sylvia Blömker. „Es ist, als ob wir einen Markt ganz neu aufbauen müssen.“ Der Absatz der Firma in Deutschland sei nach 2002 um 90 Prozent auf knapp 250 Millionen Dosen im Jahr gesunken. Derzeit hätten die 1000 Mitarbeiter hierzulande jedoch gut zu tun. Sie arbeiten verstärkt für den Export –, weil der Markt für Dosen ohne Pfand im übrigen Europa boomt.

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