Wirtschaft : Kein Platz mehr für "Traditionalisten"

STEFAN KEIDEL (HB)

Makler suchen neuen Kurs / Technische und rechtliche Neuerungen verändern BörsenlandschaftVON STEFAN KEIDEL (HB)

FRANKFURT (MAIN).Der Umbruch des Finanzplatzes Deutschland erreicht einen weiteren Höhepunkt.Ende November geht das Handelssystem der Frankfurter Börse Xetra bundesweit ans Netz.In drei Stufen soll der Wertpapierhandel innerhalb der kommenden zwei Jahre in sämtlichen Marktsegmenten vollelektronisch erfolgen.Mit dem Dritten Finanzmarktförderungsgesetz und dem neuen Aktienrecht werden parallel dazu die rechtlichen Rahmenbedingungen für den hiesigen Finanzmarkt weiter modernisiert.Das zarte Pflänzchen der Aktienkultur in Deutschland wächst.Aber es gibt Schattenseiten: Dieser Umbruch hat zum Teil gravierende Auswirkungen auf die Marktteilnehmer der Börse.Am stärksten sind die beiden Berufsgruppen Kursmakler und Freimakler betroffen.In der Vergangenheit als amtliche Kursfeststeller beziehungsweise Vermittler von Börsenteilnehmern feste Institutionen der heimischen Börsenlandschaft droht ihnen nun das Aus.Auf der einen Seite verlangt die Umsetzung der EU-Richtlinien von den noch rund 80 Freimaklern unter anderem eine verbesserte Berichterstattung und eine höhere Eigenmittelunterlegung.Auf der anderen Seite installiert die Börse mit Xetra ein Instrument, das die gesamte Maklerschaft unmittelbar bedroht.Als "Finanzdienstleistungsinstitute" werden sie ab 1998 mit dem Kreditwesengesetz konfrontiert.Dies bedeutet, daß sie dann der Solvenzaufsicht des Bundesaufsichtsamtes für das Kreditwesen (BaKred) unterliegen.Bei strikter Anwendung der sogenannten Kreditbestimmungsverordnung dürfte es in Deutschland zu einem Massenexitus der Maklerfirmen kommen.Denn dann wäre selbst das Tagesgeschäft für Makler wegen der hohen Eigenkapitalanforderungen nicht mehr möglich.Aber auch bei einer weiter gefaßten Interpretation durch das BaKred bedarf es künftig einer Eigenkapitalausstattung, die nur größere Maklereinheiten aufbringen können.In Hinblick auf Xetra hat die hessische Börsenaufsicht schon vor rund zwei Jahren damit begonnen, amtliche Kursmakler nur noch auf Zeit zu bestellen.Denn wenn sich im Systemwettbewerb Xetra gegen das Parkett durchsetzt, und kaum ein ernstzunehmender Experte zweifelt heute daran, dann ist mit dem Verschwinden des Präsenzhandels auch der traditionelle Kursmakler Geschichte.Der Gesetzgeber schuf daher im neuen Börsengesetz, das den Kursmaklern nun auch außerhalb der Vermittlung und Kursfeststellung Freiräume für neue Geschäftsfelder bietet, ein Schlupfloch für eine fortentwickelte Existenz.Darauf hat man reagiert: Nach Kursmaklern in München, Hamburg und Berlin schlossen sich jüngst elf der rund 38 Frankfurter Kursmakler zu der Aktiengesellschaft Intermediär Center Frankfurt (ICF) zusammen und verdingen sich jetzt auch als Freimakler.Aber auch bei den "alten" Freimakler vollzieht sich eine dramatische Entwicklung.An den Regionalbörsen mußten bereits einige Börsenmakler mangels ausreichenden Handels ihr Geschäft aufgeben.Aber bislang haben nur eine Handvoll ihre Eigenkapitalbasis erhöht.Einige, aber noch viel zu wenige Makler haben die Zeichen der Zeit erkannt, und formieren sich zu Aktiengesellschaften, um mit genügend Eigenmitteln und einer effizienten Organisation Dienstleistungen anzubieten, die von Banken nicht abgedeckt werden können.Längerfristig streben Makler das Investmentbanking an.Diese Visionäre werden überleben; Traditionalisten dieses ehrwürdigen Berufsstandes dürften hingegen bald der Vergangenheit angehören.

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