Wirtschaft : Keine Rein-Raus-Investments mehr

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Von Henrik Mortsiefer

Die Geldgeber der New Economy üben sich in Zweckoptimismus: „Irgendwann erholt sich die Börse schon wieder“, heißt es unisono bei den Risikokapitalgesellschaften, die in junge Unternehmen investieren. Erholen muss sich die Börse auch bald wieder. Denn sonst ist der Königsweg versperrt, auf dem sich die Venture-Capital-Firmen (VC) üblicherweise ihr eingesetztes Kapital zurückholen. Der Schock, den der Absturz der New Economy der Venture-Capital-Branche versetzt hat, hat gewirkt. Die VCs stellen sich auf neue Rahmenbedingungen ein. Der beinharte Wettlauf um die heißesten Businesspläne ist beendet. Stattdessen operieren die Geldgeber häufiger gemeinsam und investieren gerne größere Beträge in erfahrenere Unternehmen. Geblieben ist jedoch die Sorge um den Zustand der Kapitalmärkte.

„Die Exit-Kanäle sind verstopft“, sagt Holger Frommann, Geschäftsführer des Bundesverbands Deutscher Kapitalbeteiligungs-Gesellschaften (BVK), dessen 209 Mitglieder per Ende März Venture Capital in Höhe von insgesamt 15,9 Milliarden Euro in fast 6000 Unternehmen investiert hatten. „Exit“ ist das Zauberwort der VCs. Es beschreibt die Ausstiegsszenarien, mit denen sich jeder Investor beschäftigt, bevor er sein Geld in eine vielversprechende Firma steckt. Exit kann heißen, ein junges Unternehmen nach der Anschubfinanzierung an die Börse zu bringen oder zu verkaufen – an einen industriellen Investor, an eine andere VC-Gesellschaft oder an die Gründer .

Die Zeiten, in denen dieses Rein-Raus-Investment nur wenige Monate in Anspruch nahm, weil die finanzierten Firmen an der Börse begehrt waren, sind vorbei. „Ende 2000 schlug der Boom in eine Konsolidierung um“, sagt BVK-Chef Frommann. Mehr als ein Drittel ihrer Investments mussten die BVK-Mitglieder im vergangenen Jahr aus den Büchern streichen – ein Verlustvolumen von 684 Millionen Euro.

„Viele VCs, die sich während des New-Economy-Hypes stark engagiert haben, sind jetzt mit sich selbst beschäftigt“, meint Bernd Seibel, Partner bei der TVM Techno Venture Management. Das Münchener Unternehmen war im ersten Quartal 2002 der aktivste Risikofinanzierer in Deutschland. TVM steckte 23,2 Millionen Euro in drei Erst- und sieben Folgeinvestments. „Unsere Financiers erwarten, dass wir einkaufen, wenn die Preise niedrig sind“, erklärt Bernd Seibel. Das ist jetzt der Fall. Ein im November 2001 aufgelegter Life-Science-Fonds hat 336 Millionen Euro auf der hohen Kante. Ein IT-Fonds, der in diesen Tagen aufgelegt wird, soll weitere 150 Millionen Euro einsammeln. „Jetzt ist die richtige Zeit, das Geld auszugeben“, sagt Venture-Capitalist Seibel. TVM bleibt dabei wie die Branche insgesamt technologieorientiert. Ob und wann sich die Geldanlage auszahlt, kann Seibel allerdings nicht abschätzen. Am Neuen Markt sei nach Lage der Dinge in diesem Jahr kein Börsengang (IPO) geplant. Zwölf bis 14 Monate könne es schon dauern, bis sich „das Börsen-Fenster wieder öffnet“.

Auch der Branchenriese 3i ist hier zu Lande zurückhaltender geworden. Im laufenden Geschäftsjahr will 3i 110 Millionen Euro investieren – knapp die Hälfte der Summe, die im vergangenen Jahr in rund 80 deutsche Beteiligungen floss. Andreas Kochhäuser, stellvertretender Geschäftsführer, stellt jedoch fest, dass „nicht mehr jeden Tag neue Hiobsbotschaften hereinkommen“. Ein paar Börsenkandidaten hat er auch schon im Blick. n nennt er indes nicht.

Antizyklisch handeln und „ready for IPO“ bleiben. Das gilt auch für den Berlin Capital Fund, den Risikofinanzierer der Bankgesellschaft Berlin. „2002 wird ein schwieriges Jahr“, räumt Geschäftsführer Markus Müller von Blumencron ein. Aber die niedrigen Bewertungen böten auch Chancen. Mit sechs potenziellen Beteiligungen führt BCF derzeit intensive Gespräche. 130 Millionen Euro hat der Berlin Capital Fund in 65 Unternehmen investiert. Zwei davon sind für den Börsengang präpariert. „Aber es wäre vermessen, schon 2002 mit dem IPO zu rechnen“, sagt der BCF-Chef. „Wir stellen uns auf 2003 ein.“

Die Talfahrt der Aktien belastet aber vor allem die Wagniskapitalfirmen, die – wie etwa die Berliner bmp oder TFG – selbst an der Börse notiert sind. Die Geldmaschine Neuer Markt stockt und damit versiegt zugleich eine wichtige Refinanzierungsquelle. Erfahrene Wagnisfinanzierer wie Waldemar Jantz, Gründer der im März 2000 gestarteten aber nicht börsennotierten Target Partners, beobachtet das mit Sorge. „Jetzt rächt sich die Unerfahrenheit vieler VCs, die als Aktiengesellschaften ihr Beteiligungskapital an der Börse einspielen wollten.“

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