Wirtschaft : Kirch-Pleite: Premiere ist Murdochs letzte Chance in Deutschland

mot/tmh

Um die Zukunft des Kirch-Bezahlfernsehens hat ein neuer Verhandlungspoker begonnen. Am Donnerstag trafen sich nach Informationen aus Teilnehmerkreisen erneut Vertreter der Hypo-Vereinsbank, der Bayerischen Landesbank, des Medienunternehmers Rupert Murdoch sowie das Premiere-Management, um sich über eine neue Eigentümerstruktur des Abo-Kanals zu verständigen. Eine Einigung war bis zum Abend nicht in Sicht.

Offenbar ist aber das Interesse an einer Rettung des Senders gestiegen. Eine Insolvenz soll Unternehmenskreisen zufolge in dieser Woche nicht mehr beantragt werden. "Es ist noch nichts endgültig entschieden", hieß es bei den Banken. Die Murdoch-Gruppe sei nach wie vor an einem Einstieg interessiert, verlange aber von den Banken, dass sie einen Teil ihrer Forderungen in einer Gesamthöhe von einer Milliarde Euro in Anteile an Premiere umwandeln. "Damit müssten die Banken einräumen, dass ein Teil ihrer Forderungen verloren ist", sagte ein Analyst. "Darum werden die Geldinstitute ohnehin nicht herum kommen." Die BayernLB und ihre Töchter haben Kirch-Pay-TV dem Vernehmen nach 767 Millionen Euro geliehen, die Hypo-Vereinsbank 225 Millionen Euro.

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Angeblich ist Murdoch, der 22 Prozent an Kirchs Dachgesellschaft für Premiere hält, bereit, zusammen mit ungenannten Investoren rund 600 Millionen Euro in Kirchs Pay-TV zu investieren. Eine offizielle Bestätigung für diese Offerte gibt es nicht. Branchenkenner halten zudem weit höhere Summen für nötig, um den Sender bis zum geplanten Erreichen der Gewinnschwelle 2005 zu finanzieren. "Zwei Milliarden Euro sind die Untergrenze", sagt ein Analyst.

Premiere verbucht nach Expertenschätzungen täglich Verluste von zwei Millionen Euro. Premiere-Chef Georg Kofler will den Sender mit einem rigorosen Sparkurs bis 2004 in die schwarzen Zahlen bringen. Nach der am Montag erklärten Zahlungsunfähigkeit von Kirch-Media war eigentlich unmittelbar danach ein Insolvenzantrag von Kirch-Pay-TV erwartet worden. In letzter Minute habe Murdoch aber auf neue Gespräche gedrängt, hieß es in Kirch-Kreisen.

Eine zentrale Rolle bei den Gesprächen spielen die Hollywood-Studios. Gelingt es Murdoch nicht, die mit der Kirch-Gruppe bestehenden Verträge mit den Filmlieferanten neu zu verhandeln, drohen Premiere weitere Zahlungsverpflichtungen, die der Kanal mit seinen derzeit 2,4 Millionen Abonnenten nicht einspielen kann. "Murdoch muss ganz von vorne anfangen können, ohne die überteuerten Film-Verträge", sagt ein Analyst. Da die Mehrzahl der Verträge mit der insolventen Kerngesellschaft Kirch-Media abgeschlossen wurden, haben die Insolvenzverwalter nun das Recht, die Bindung an die Studios neu auszuhandeln. Möglich ist auch, aus einzelnen Verträgen ganz auszusteigen. Die Studios sollen ihrerseits daran interessiert sein, ihre Forderungen gegenüber der Kirch-Gruppe in Anteile an Kirch-Pay-TV umzuwandeln. Das Kalkül: Murdoch soll nicht die Kontrolle bei Kirch-Pay-TV erhalten, um dann womöglich sein eigenes Studio Fox zu bevorzugen. "Wenn sich die Studios mit den Banken einigen, dann wird eine Insolvenz wahrscheinlich - einfach, um den Gesellschafter Murdoch loszuwerden", hieß es in Kirch-Kreisen.

Murdoch würde in diesem Fall ein zweites Mal in die Defensive gedrängt: Seine Beteiligung an der Produktions- und Rechtehandelsgesellschaft Kirch-Media ist wertlos geworden, weil der Medienunternehmer sich nicht mit den Banken auf die Finanzierung eines Überbrückungskredits einigen konnte. "Diese Tür ist geschlossen", heißt es bei den Banken. "Jetzt ist nur noch die Pay-TV-Tür offen." Auch Murdochs Option, im Oktober seine 22 Prozent an Kirch-Pay-TV für 1,7 Milliarden Euro zurückzuverkaufen, ist nach Meinung von Bankern nichts mehr Wert: Der Taurus-Holding, mit der Murdoch sein Optionsgeschäft abgeschlossen hat, droht ebenfalls die Insolvenz.

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