Wirtschaft : Klaus Andritzki

Geb. 1934

Anne Jelena Schulte

Es stinkt nicht wegen der Öfen, sondern weil die Leute nicht richtig heizen. Endlich würden sie ihn nicht mehr hamstern schicken, Bettlaken gegen Kartoffeln, Porzellan gegen Schinken. Klaus Andritzki hatte eine Lehrstelle als Ofensetzer ergattert, und das 1948. Sein Tag begann jetzt mit dem Packen des Handkarrens: Kacheln, Lehm, Ofentüren, Hammer, Meißel. Dann im Morgenfrost durch die Straßen und mit bloßen Händen den eisigen Lehm warmkneten.

Sie arbeiteten im Akkord. Der Lehrling puzzelte den Ofen auf dem Fußboden zusammen, so dass der Geselle die Kachelreihen gleich komplett hatte. Wehe, wenn eine Eckkachel nicht zur Hand war!

Als Geselle verdiente er 65 Mark im Monat, das reichte für ihn und seine Mutter. Mit der teilte er eine Ein-Zimmer-Wohnung in Kreuzberg.

Das Material für sein Meisterstück hatte er selbst bezahlt, sorgfältig den Wärmewert berechnet und die Anzahl und die Führung der Züge geplant. Als er fertig mit dem Aufbau war, war es um zehn am Abend. Er musste das gute Stück nur noch blank putzen. „Lassen se mal,“ sagte die Kundin. „Wo Sie alles selbst bezahlt haben. Ich mach das.“ Andritzki zögerte, die Kundin deutete auf die Tür. Am nächsten Morgen stand der Prüfer vor einem gut gearbeiteten, aber völlig verdreckten Ofen: „Na, das gibt auf jeden Fall eine Note schlechter.“

Das Geschäft seines Chefs durfte Klaus Andritzki trotzdem übernehmen. Aber die Moral der Geschichte war klar: Verlass dich nur auf dich selbst.

Am allerwenigsten durfte sich der Ofensetzer auf den Lauf der Zeit verlassen: Ende der siebziger Jahre beschloss der Senat, der Berliner Luft zuliebe den Einbau von Zentralheizungen zu fördern. Die Hausverwaltungen schickten Kolonnen von Ofensetzern durch die Stadt, die nun in Akkordarbeit jene Öfen herausrissen, die sie selbst eingebaut hatten. „Dass es stinkt, das liegt nicht an den Öfen, sondern daran, dass die Leute nicht richtig heizen können“, schimpfte Andritzki.

Als man vom Ofenbau allein nicht mehr leben konnte, legte er auch Fliesen. Zur Arbeit erschien er immer in weißen Hosen, blauer Schürze und weißer Schiebermütze, unter der er Terminkalender und Stift aufbewahrte. Auf die Frage seiner Frau, ob er die weiße Hose nicht gegen eine blaue eintauschen wolle, sagte er: „Ich bin doch kein Klempner!“ Umso schlimmer, dass 1996 die Ofensetzer in der Handwerkerinnung mit den Klempnern in eine gemeinsame Unterabteilung gesteckt wurden. Für eine eigene waren es inzwischen zu wenige.

Dass auf Andritzki Verlass war, sprach sich herum, er hatte gut zu tun. Seine Frau seufzte, wenn er mal wieder am 23. Dezember abends das Haus verließ, weil irgendwo der Ofen kaputt war und Eiszapfen am Weihnachtsbaum hingen.

Zuverlässig wie er war der Rhythmus seines Lebens: Mittwochs kam Oma Elsi zu Besuch, Donnerstags kaufte er im KaDeWe ein französisches Brot. Samstags trug er seiner Mutter die Kohlen hoch. Sonntags schrieb er Rechnungen. Urlaub wurde ein Jahr in Österreich, das nächste Jahr an der Ostsee verbracht, immer im Wechsel.

Mit 65 Jahren begann Klaus Andritzki, einen Nachfolger zu suchen. Sein Geschäft war in tadellosem Zustand. Er betrachtete seine rissigen Hände, die Statur seines Sohnes und die Zeichen der Zeit. „Mach was anderes“, riet er ihm.

Drei Jahre darauf wurde Blutkrebs diagnostiziert. Auf der Intensivstation überreichte er seinen Enkelkindern Feriengeld und erklärte ihnen schwer atmend, wie sie es einteilen sollten. Dann verabschiedete er sich. Die Enkeltochter hielt sich nicht an seinen Rat. Fünf von den 20 Euro rahmte sie ein und hängte sie über ihr Bett.

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