Wirtschaft : Kleiner Oscar, großes Geld

Die wichtigste Trophäe der Filmindustrie bringt einem Streifen zehn Millionen Dollar Zusatzeinnahmen – mindestens

Matthias B. Krause

New York. Die Zeiten, da die Oscars aus 24-karätigem Gold gegossen wurden, sind vorbei. Heute fertigt eine Firma in Chicago den begehrtesten Filmpreis der Welt aus einer Metall-Legierung, die nur einige hundert Dollar wert ist. Dennoch kann der kleine Mann, der am Sonntagabend (Ortszeit) garniert mit viel Pomp in Los Angeles in 24 Kategorien zum 76. Mal vergeben wurde, Millionen bedeuten. Weniger für den besten Filmmusikschreiber oder den besten Drehbuchautor, auf jeden Fall aber für die Produktionsfirmen. Dazu reicht schon eine Nominierung.

Randy Nelson, Wirtschaftsprofessor am Colby College in Waterville (US-Staat Maine), hat errechnet, dass sie in der Kategorie „Bester Film“ im Schnitt 10,6 Millionen Dollar an zusätzlichen Ticketverkäufen einbringt. Die Auszeichnung als bester Schauspieler schlägt mit einer Million Dollar Mehreinnahmen nieder. Diese Zahlen sind allerdings nur ungefähre Schätzungen, zu viele Faktoren beeinflussen den Oscar-Effekt. „Er ist die ertragbringendste Auszeichnung in der Unterhaltungsindustrie – aber sie lässt sich schwer kalkulieren“, sagt Nelson.

So wird einer der Top-Filme in diesem Jahr, der dritte Teil des „Herr der Ringe“-Epos kaum zusätzliche Effekte verspüren. Er ist bereits auf dem besten Weg zu einem Welterfolg und kann demnächst als zweite Produktion in der Filmgeschichte nach „Titanic“ die magische Eine-Milliarde-Dollar-Grenze überschreiten. Umso heftiger wirkt sich das Gütesiegel der „Academy of Motion Picture Arts and Sciences“ auf kleine Filme wie Sofia Coppolas „Lost in Translation“ oder ausländische Streifen aus. Das kann den Unterschied zwischen einem nationalen Hit und einem internationalen Renner ausmachen.

Oder, wie im Fall des 1999 mit drei Oscars prämierten Roberto Benigni-Streifens „Life Is Beautiful“, neue Hoffnung für einen gesamten, darbenden Industriezweig bringen. „Nach acht oder zehn Jahren der Krise war Benignis überwältigender Erfolg ein positives Zeichen in einer Zeit, da es bereits zerbrechliche Zeichen einer Wiederbelebung gab“, beschrieb der italienische Regisseur Gillo Pontecorvo in der „New York Times“ den Oscar-Effekt für sein Land.

Schlammschlacht um Stimmen

Manchmal bedeutet eine Oscar-Auszeichnung aber auch schlicht einen zweiten Atem, zum Beispiel für die deutsche Produktion „Nirgendwo in Afrika“, der im vergangenen Jahr in der Kategorie „Bester ausländischer Film“ gewann. Zu dem Zeitpunkt war er bereits in Deutschland ein Kassenerfolg und hatte für die USA einen Verleih gefunden. „Doch in dem Augenblick, als die Nominierung bekannt wurde, haben wir gleich eine ganze Reihe von neuen Verträgen mit internationalen Verleihern abgeschlossen“, berichtet Thorsten Schaumann von der Bavaria Film International.

In den USA kam „Nirgendwo in Afrika“ wenige Wochen vor der Oscar-Verleihung in die Kinos und lief bis Oktober. Dabei nahm er laut Branchendienst „Variety“ 6,2 Millionen Dollar ein. In Deutschland spielte er vor der Auszeichnung laut „Variety“ pro Woche 14000 Dollar ein, nach der Ehrung durch die Academy-Mitglieder schnellten die Zahlen wieder auf 100000 Dollar hoch. Auch der Verkauf von DVD und Videos, ein immer wichtiger werdender Markt, zog deutlich an.

Angesichts solcher Verdienstaussichten investieren Produktionsfirmen Hunderttausende Dollar, um ihr Produkt den 5803 stimmberechtigten Academy-Mitgliedern schmackhaft zu machen. Bisweilen erwachsen daraus Schlammschlachten, die Branchenbeobachter eher an schmutzige Präsidentschaftswahlkämpfe erinnern als an einen Filmwettbewerb. „Es ist längst keine Flüsterkampagne mehr, sondern ein Schrei-Wettbewerb“, sagt etwa Terry Press, Marketingchef der Produktionsfirma Dreamworks. So gesehen haben die deutschen Verleiher in diesem Jahr offensichtlich nicht laut genug gerufen. Die Ostalgie-Komödie „Goodbye Lenin“ fiel bei der Nominierung durch. „Das ist sehr irritierend“, sagte Bavaria Film International-Marketingchef Thorsten Ritter der „New York Times“, „vielleicht hat einfach die große epische Geste gefehlt“. Neben all den Millionen spielt am Ende wohl weiterhin eine unberechenbare Größe eine Rolle: der persönliche Geschmack.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben