Klimaschutz : Windräder - von Dänen lernen

Erneuerbare Energien sind Gift fürs Stromnetz, heißt es oft. Der Windkraft-Weltmeister im Norden beweist das Gegenteil.

Kevin P. Hoffmann

Fredericia/Kopenhagen - Auf diese Frage scheint Dänemarks Herr der Winde nur gewartet zu haben. Gerade hat er berichtet, wie die unberechenbaren Windräder überall im Land viel Strom liefern und dann wie durch Geisterhand gestoppt plötzlich gar keinen mehr. Wie viele Stromausfälle hat ihm dieser Spuk schon beschert? Er hebt grinsend den Arm, formt mit Zeigefinger und Daumen eine Null und ruft „Zero!“

Jens Møller Birkebæk leitet das Kontrollzentrum des staatlichen dänischen Stromnetzbetreibers Energinet.dk. Er arbeitet in einem Hochsicherheitsraum voller Steuerpulte und Monitore. Der befindet sich in einem Neubau aus Kiefernholz und Glas auf der grünen Wiese im 40 000-Einwohner-Städtchen Fredericia in Jütland. Birkebæks Team muss dafür sorgen, dass 24 Stunden lang, 365 Tage im Jahr die Spannung im dänischen Netz stabil bleibt. „Der Schlüssel ist die richtige Planung. Dazu brauchen wir zunächst gute Vorhersagen“, sagt er.

Wie alle Stomnetzmanager der Welt kennt er die Gewohnheiten seiner Mitmenschen. Er weiß, dass seine Landsleute morgens massenhaft Licht und Kaffeemaschinen anschalten und abends kochen. Im Sommer sitzen sie lange draußen – brauchen also wenig Strom. Wenn aber die Nationalmannschaft spielt oder die Königin zum Volk spricht, guckt halb Dänemark Fernsehen. Dann muss Birkebæk bei den Stromproduzenten mehr Kontingente bestellen.

Während schwerfällige Kohlekraftwerke gleichmäßig große Mengen Strom, die Grundlast, produzieren, lassen sich Gas- oder Blockheizkraftwerke binnen weniger Minuten an- oder abschalten. So lässt sich die schwankende Nachfrage gut bedienen. Doch Windkraft ist anders: Ein plötzlich von der Nordsee aufziehender Sturm oder eine Flaute wirbeln jede Planung durcheinander. In Ländern, in denen nur drei bis vier Prozent der Energie durch Wind gewonnen werden, lässt sich dieses Problem vernachlässigen. Doch Dänemark ist der größte Produzent und Nutzer von Windkraftanlagen der Welt: 20 Prozent des Stroms stammen von Windrädern – in Deutschland sind es sieben Prozent.

Birkebæk versucht also, den unberechenbaren Wind zu berechnen: „Wir können leider immer noch nicht genau sagen, wo er blasen wird.“ Aber doch annähernd: Um nicht von einer Sturmfront überrascht zu werden, die die Hälfte aller Umspannwerke durchschmoren lassen würde, stützt sich sein Team auf drei verschiedene Wettervorhersagesysteme. Aus den Daten, die Satelliten und Wetterstationen liefern, bildet er Quotienten, Quersummen, berechnet Wahrscheinlichkeiten und trifft auf ihrer Basis schnelle Entscheidungen.

Aber es genügt nicht, ein guter Wetterfrosch zu sein, um den Strom gleichmäßig im Land zu verteilen. Neben bestmöglicher Planung setzt man bei Energinet.dk auf Flexibilität: Um schnell auf Schwankungen zu reagieren, pflegt der Netzbetreiber besonders enge Kontakte zu den Netzagenturen der Nachbarländer. So kann er überschüssigen Windstrom zum Beispiel binnen Sekunden in Norwegen absetzen. Dort werden damit Pumpen angetrieben, die Wasser in einen der vielen Stauseen heben. Bei Flaute strömt das Wasser zurück durch Generatoren und liefert wieder Strom. Zudem betreibt der Netzbetreiber „Markt-Design“, indem er etwa den Verkauf kleiner Blockheizkraftwerke fördert, die dezentral übers Land verteilt sind und so das Netz schonen.

Das alles nimmt dem Windstrom die Spitzen – und doch würde es langfristig nicht ausreichen, um das Netz stabil zu halten. Denn Dänemarks Regierung will den Windstromanteil weiter ausbauen. Da sind die Erzeuger gefragt. Der führende Stromversorger des Landes, Dong Energy, produziert einen Energiemix, der vergleichbar ist mit dem deutscher Versorger: Dong erzeugt 15 Prozent des Stroms mit erneuerbaren und 85 mit fossilen Energien. „Wir haben uns aber zum Ziel gesetzt, dieses Verhältnis innerhalb einer Generation umzukehren“, erklärt Chefökonom Ulrik Stridbæk in der Kopenhagener Zentrale. Dazu gehören auch Investitionen in Offshore-Windparks, an denen sich Dong beteiligt – einige liegen auch in der deutschen Nordsee.

Doch wo speichert man die dann noch stärker schwankenden Strommengen? Eine – verblüffende – Antwort lautet: in Elektroautos. Gemeinsam mit einem Partner, der die Pkw verkauft, will Dong ab 2011 ein Netz von E-Tankstellen aufgebaut haben. Dort will Dong Pfand-Batterien vertreiben, die mit überschüssigem Windstrom aufgeladen worden sind. So will der Versorger zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Das Netz entlasten und zugleich fünf Prozent mehr Strom verkaufen als heute. Über die Idee freuen sich Klimaschützer – noch mehr aber Dongs Aktionäre.

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