Klimawandel : Hoffen auf die grüne Utopie

Ein Blick ins Jahr 2050: Fast nur noch Erneuerbare Energien, Biogas aus Russland – und weniger Rindfleisch auf den Tellern.

Alfons Frese
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Das solare Zeitalter hat in Espenhain bei Leipzig längst begonnen – die Anlage gehört zu den größten Europas. Foto: dpadpa-Zentralbild

Berlin - Bärbel Höhn ist in der Zukunft angekommen. Die Umweltpolitikerin der Grünen lebt einigermaßen klimaneutral. Das Wohnhaus in Oberhausen wird mit Holzpellets beheizt, warmes Wasser liefert eine Solaranlage auf dem Dach. Der Strom stammt aus regenerativen Quellen, Erdgas treibt das Auto an, und wenn eben möglich, fährt die Bundestagsabgeordnete mit der Bahn. Schließlich die Ernährung: Nach eigenen Angaben verzehrt Höhn weniger als 20 Kilogramm Fleisch im Jahr, im Schnitt kommt jeder Deutsche auf 60 Kilogramm. Vor allem wegen der Methangas-Emissionen von Rindviechern hält der Umweltverband WWF einen Rückgang des Fleischkonsums um zwei Drittel für geboten.

Die Weichen für Energieerzeugung und -verbrauch im Jahr 2050 werden in den nächsten Tagen in Kopenhagen gestellt. Zweifellos wird der Anteil der erneuerbaren Energien an der Stromerzeugung enorm steigen, Höhn glaubt sogar an 100 Prozent. Anders sei es auch kaum möglich, das Klimaziel einer maximalen Erwärmung um zwei Grad zu erreichen. „100 Prozent sind möglich, aber nicht wahrscheinlich“, meint dagegen der Saarbrücker Ökonomieprofessor und Energieexperte Uwe Leprich. „Ein paar fossile Quellen braucht man noch“, sagt er und hat dabei Gas im Auge. Stephan Kohler, Chef der bundeseigenen Deutschen Energieagentur (Dena) glaubt sogar an die Kohle. Die ist zwar so schmutzig wie kein anderer Brennstoff, kommt aber hierzulande noch auf einen Anteil von gut 40 Prozent an der Stromerzeugung.

Das Kohlekraftwerk im Jahr 2050 ist sauber, weil CO2 bei der Verbrennung abgeschieden und anschließend gespeichert wird. Derzeit ist das noch äußerst umstritten, ein entsprechendes Gesetz wird erst im Herbst 2010 erwartet. Trotzdem: Kohler sieht das Klimagift CO2 bereits als „Wirtschaftsgut“ in einer neuen Kreislaufwirtschaft. Das CO2 wird als Rohstoff gebraucht, um etwa Algen zu züchten. Die Algen wiederum dienen als Biomasse, aus der wiederum Biogas oder Biosprit entstehen. Und der Biokraftstoff treibt dann zum Beispiel Autos an. Denn an einen kompletten Fahrzeugbestand aus Elektroautos in 2050 glaubt nur die Grünen-Expertin Höhn. Kohler und auch Leprich sehen dagegen noch immer Autos mit Verbrennungsmotoren unterwegs. Auch weil Elektroautos Akkus brauchen, zu deren Produktion reichlich Rohstoffe und auch Energie nötig sind. Biokraftstoffe sind eine saubere Alternative.

„Riesige Flächen werden gebraucht“, sagt Leprich, wenn zum Beispiel der Güter- und der Luftverkehr künftig auf der Basis von Biokraftstoffen abzuwickeln wären. Und die Flächen sind da – in Osteuropa und Russland. Kohler verweist auf die Erdgaspipelines, die es bereits gibt oder die geplant sind, um den Brennstoff von Ost nach West zu pumpen. Durch diese Leitung könnte dann auch das Biogas aus Biomasse fließen, die in Russland, der Ukraine und Polen als nachwachsender Rohstoff angebaut wird.

Von der 2000-Watt-Gesellschaft spricht Dena-Chef Kohler – jeder Bürger verbraucht nicht mehr als 2000 Watt im Jahr. Das kann funktionieren, weil Energie tendenziell teurer wird und entsprechend Investitionen in höhere Energieeffizienz attraktiver werden. Zum Beispiel sparsame Elektrogeräte. Bärbel Höhn hat bemerkt, wie irreführend manchmal die Klassifizierung von Haushaltsgeräten ist. So gebe es die Kategorien A, A+ und A++, und dabei werde selbst A noch als sparsam annonciert, obwohl A++ um bis zu 45 Prozent effizienter und damit sparsamer als A sei. Höhn wünscht sich vom Gesetzgeber im Übrigen ein Verbot des berühmten Stand-by-Modus: Es wäre Aufgabe der EU, in der Energieeffizienzrichtlinie vorzuschreiben, dass sich alle Elektrogeräte automatisch ausschalten müssen. Aber das ist Zukunftsmusik.

Das Haus ohne Heizung dagegen ist real. Es gibt Null-Energie-Gebäude, die mithilfe von Dämmung, Lüftungssystem und erneuerbaren Energien kein CO2 mehr verursachen. Ab 2021 ist das nach den Vorgaben der EU Pflicht für alle Neubauten.

„Der Mensch wird sich stärker vor Umwelteinflüssen schützen müssen als heute“, sagt Dena-Chef Kohler allgemein über die Zukunft. Die Sommer würden heißer, die Winter kälter. In der Konseqenz werde es mehr klimatisierte Gebäude geben – eine düstere Spirale: Der Klimawandel forciert noch den Stromverbrauch. Kohler glaubt das nicht, er vertraut der Technik, neuen und hocheffizienten Erzeugungs- und Verbrauchssystemen. Auch der WWF sieht da großes Potenzial, etwa Induktionsherde beim Kochen, LED bei der Beleuchtung oder wasserfreie Waschmaschinen.

Bärbel Höhn hat zwei Kinder und zwei Enkelkinder. Ob die ähnlich wie die grüne Mutter Energie sparen und klimaneutral zu leben versuchen? „Das müssen sie“, sagt Höhn. „Es geht ums Überleben.“ Denn wenn die globale Temperatur um mehr als zwei Grad steigt, dann wären Überschwemmungen und Dürren kaum noch zu bewältigen.

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