Wirtschaft : Konjunktur: Die Märkte erwarten eine Zinssenkung

Ungeachtet des im Juli erneut beschleunigten Geldmengenwachstums gilt es für die meisten Finanzmarkt-Analysten als sicher, dass die Europäische Zentralbank (EZB) am Donnerstag die Leitzinsen senken wird. Zwar war die Geldmenge M3 im Juli auf 6,4 (Juni 6,1) Prozent schneller als erwartet gewachsen. Dafür aber seien Sonderfaktoren verantwortlich, ein erhöhtes Inflationsrisiko gebe es nicht, erklärte die EZB. Im Durchschnitt der Monate Mai bis Juli wuchs M3 um 5,9 Prozent und lag damit deutlich über dem EZB-Referenzwert von 4,5 Prozent. M3 umfasst Bargeld, Einlagen auf Girokonten, Geldmarktpapiere und -fonds sowie kurzfristige Einlagen. Ein beschleunigtes Geldmengenwachstum signalisiert in der Regel höhere Inflationsrisiken. Dieses Mal sei aber das Gegenteil der Fall, schrieb die EZB. Ein stabiler Euro und die schleppende Konjunkturentwicklung gäben genug Spielraum für eine Lockerung, sagten Analysten. Wegen der M3-Daten rutschte der Euro in New York auf ein Zwei-Wochen-Tief bei 0,9030 Dollar.

Nicht zuletzt die jüngsten schwachen deutschen Wachstumszahlen deuten darauf hin, dass eine konjunkturelle Trendwende in Deutschland und damit auch der Euro-Zone noch auf sich warten lassen wird. Das deutsche Bruttoinlandsprodukt (BIP) hatte im zweiten Quartal im Vergleich zu den ersten drei Monaten des Jahres stagniert und mit 0,6 Prozent die niedrigste Wachstumrate seit Anfang 1997 verzeichnet.

Auch der Bundesverband des Deutschen Groß- und Außenhandels (BGA) erwartet von der EZB drei weitere Zinssenkungsschritte in den nächsten sechs Monaten um jeweils 0,25 Prozentpunkte. An diesem Donnerstag könnten die Leitzinsen zunächst um 0,25 Prozentpunkte herabgesetzt werden, sagte BGA-Präsident Anton Börner am Dienstag in Berlin. Er begründete seine Erwartungen mit der Zinspolitik der US-Notenbank. Die Zinsdifferenz zwischen Euro und Dollar werde sonst zu groß.

Nach einer Umfrage unter mehr als 1000 Unternehmern sei die Stimmung in der Wirtschaft seit Jahresbeginn deutlich pessimistischer geworden. Mehr als jeder zweite (55 Prozent) beurteile die Lage als schlecht bis sehr schlecht. Anfang des Jahres seien dies nur 22 Prozent gewesen. Während im Januar noch ein Wirtschaftswachstum von 1,9 Prozent erwartet worden sei, werde jetzt nur noch mit 1,3 Prozent gerechnet. Für 2002 gingen 38 Prozent der Groß- und Außenhandelsbetriebe nur noch von einem Wachstum von unter einem Prozent aus.

Der BGA forderte ein rasches Umsteuern. Die hohen Lohnnebenkosten und die hohe Steuerbelastung seien das wichtigste Konjunkturhemmnis. Zur Haushaltskonsolidierung von Finanzminister Hans Eichel (SPD) gebe es keine Alternative. Vor allem müsse aber die Ökosteuer zurückgenommen und der Spitzensteuersatz herabgesetzt werden. Angepeilt werden sollte dabei eine Höhe von 33 Prozent.

Eichel erneuerte dagegen seine Absage an zusätzliche Ausgabenprogramme oder ein Vorziehen der Steuerreform. Es bleibe ein Irrglaube, dass der Staat die Konjunktur mit solchen Programmen steuern könne, sagte Eichel dem Magazin "Börse Online".

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