Konjunktur : OECD senkt Wachstumsprognosen erneut

Nach einer unerwartet schnellen Konjunkturabkühlung in Japan und Europa hat die OECD ihre Wachstumsprognosen für fast alle Weltregionen zum zweiten Mal in Folge zurückgenommen. Der deutschen Wirtschaft bescheinigten die Experten einen "chronischen Mangel an Widerstandsfähigkeit gegen externe Schocks".

Paris (24.05.2005, 13:36 Uhr) - Deutschland profitiere zwar vom Chinaboom und habe sich vom Schlusslicht in die Mittelzone des Euro-Gebietes vorgearbeitet, doch sei die Binnenkonjunktur nicht angesprungen. Auch nach vorgezogenen Bundestagswahlen müsse Berlin unbedingt auf Reformkurs bleiben und zudem das Haushaltsdefizit weiter senken, erklärte Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) am Dienstag in Paris. 2006 dürfte sich das Wachstum weltweit leicht beschleunigen.

In krassem Kontrast zum Asienboom und zur Expansion in den USA habe sich die Wachstumschwäche besonders in der Euro-Zone verstärkt. Vor allem Deutschland und Italien zeigten einen «chronischen Mangel an Widerstandsfähigkeit gegen externe Schocks» wie den Ölpreisanstieg und die Dollarschwäche. Die Politik müsse dieses Problem und das damit verbundene Auseinanderfallen der Konjunktur im Euro-Raum «so bald wie möglich von den Wurzeln her angehen», empfiehlt die OECD. Die Währungsunion brauche langfristig «gut funktionierende Produkt-, Finanz- und Arbeitsmärkte sowie ein gewisses Maß an Homogenität» der Wirtschaftsstrukturen der Euro-Länder. Daher seien «die Vertiefung der wirtschaftlichen Integration und die Fortsetzung der Strukturreformen» absolut dringlich.

Deutschland: 1,8 Prozent Wachstum im kommenden Jahr

Insgesamt dürfte die Wirtschaft aller OECD-Staaten 2005 nur um 2,6 (statt 2,9) Prozent expandieren. Im kommenden Jahr sei mit einer nur mäßigen Beschleunigung auf 2,8 (statt 3,1) Prozent zu rechnen. In Deutschland werde sich das Wachstum 2006 von 1,2 Prozent auf 1,8 Prozent beschleunigen, damit aber um einen halben Prozentpunkt unter der vorherigen Prognose bleiben. Damit wachse die deutsche Wirtschaft in diesem Jahr im Gleichschritt mit der Euro-Zone, die aber 2006 mit 2,0 Prozent wieder davonziehen werde. Der Europäischen Zentralbank riet die OECD, die kurzfristigen Zinsen um einen halben Prozentpunkt zu senken. Die Inflationsgefahr sei im Euro-Raum wegen der unausgelasteten Kapazitäten sehr gering, hieß es.

In den USA verlangsamt sich das Wachstum dem Bericht zufolge von 4,4 Prozent im vergangenen Jahr über 3,6 Prozent auf 3,3 Prozent 2006. Damit bleibt die Konjunktur in den USA in Fahrt, obwohl die Notenbank ihre expansive Geldpolitik zurückfährt. In Japan sei nach 2,6 Prozent im Vorjahr wegen der schwachen China-Investitionen mit 1,5 und 1,7 Prozent Wachstum zu rechnen. Das sind jeweils 0,6 Punkte weniger, als noch vor einem halben Jahr erwartet. China, dessen Wirtschaft nach inoffizieller Schätzung im ersten Quartal 2005 wie schon 2004 weiter mit 9,5 Prozent wächst, bleibt ein Zugpferd der Weltkonjunktur. Der Welthandel werde daher in diesem Jahr um 7,4 Prozent und im kommenden Jahr um 9,4 Prozent expandieren. Davon profitiere Deutschlands Investitionsbranche.

Bei ihren Prognosen geht die OECD von einem Rückgang des Ölpreises von 51 auf 48 Dollar je Barrel (159 Liter) bis Ende 2006 aus. Der Dollarkurs wird stabil mit rund 1,28 Euro angenommen. Als Risiken für die Weltwirtschaft sieht die OECD weiter die Möglichkeit, dass das hohe US-Leistungsbilanzdefizit abrupt korrigiert werden könnte. Eine starke Dollarabwertung wäre negativ für Deutschland. (tso)

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