Konjunktur : Zeitarbeiter sind wieder gefragt

In der Krise waren Zeitarbeiter die ersten, die gehen mussten - nun gelten sie als Vorboten des Aufschwungs. Leiharbeitnehmer zählen zu den ersten, die wieder eingestellt werden.

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Heiß begehrt: Um Facharbeiter wie Mechatroniker könnten sich Zeitarbeitsfirmen und reguläre Arbeitgeber bald reißen. Foto: dpa dpa-Zentralbild

Berlin - 277 offene Stellen versucht Randstad zurzeit in Berlin zu besetzen. In der Hauptstadt sucht Deutschlands Marktführer für Zeitarbeit unter anderem Mechatronik-Facharbeiter, Finanz- und Debitorenbuchhalter, Controller und Systemadministratoren. Und Randstad ist nicht das einzige Zeitarbeitsunternehmen, das wieder Stellen zu vergeben hat. „Insgesamt geht es aufwärts“, bestätigt Andrea Resigkeit, Leiterin des Hauptstadtbüros des Interessenverbands Deutscher Zeitarbeitsunternehmen. Und auch Michael Wehran vom Bundesverband Zeitarbeit sagt, dass die Branche wieder mehr Arbeitsplätze besetzt. Langsam erholen sich die Arbeitsverleiher wieder von dem Einbruch, den sie in der Krise erleben mussten.

Interessant ist das auch deshalb, weil die Zeitarbeitsbranche als Konjunkturindikator gilt. Zeitarbeiter werden zwar häufig im Abschwung als Erste entlassen, aber auch als Erste wieder eingestellt, wenn es aufwärts geht. So sieht es die Bundesarbeitsagentur und auch Karl Brenke, Wirtschaftswissenschaftler am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). Der Grund: Viele Zeitarbeiter gehören zu den sogenannten Randbelegschaften, sind meist ungelernt und arbeiten in einfachen Tätigkeiten. Diese Randbelegschaften, so Brenke, reagieren immer besonders stark auf konjunkturelle Schwankungen.

Dass der Aufschwung auf dem regulären Arbeitsmarkt bald folgen wird, erwartet Brenke allerdings nicht. Schließlich seien noch viele Arbeitnehmer auf Kurzarbeit, die könnten zunächst einmal wieder voll beschäftigt werden. „Der leichte Aufschwung in der Zeitarbeitsbranche könnte aber ein Signal sein, dass die Talsohle auf dem Arbeitsmarkt durchschritten ist“, so Brenke. Bis die Zeitarbeitsbranche ihr Hoch aus dem Jahr 2008 wieder erreicht, wird es aber wohl noch dauern. Laut Statistik der Bundesarbeitsagentur beschäftigten die Personalverleiher im Juli 2008 noch über 820 000 Mitarbeiter. Dann kam die krisenbedingte Entlassungswelle. Hunderttausende Zeitarbeiter verloren ihre Arbeit. Im April 2009 waren nur noch rund 580 000 von ihnen beschäftigt. Auch die Zahl der Unternehmen in der Branche sank im Juni 2009 zum ersten Mal seit Mitte der achtziger Jahre wieder, auf 24 549 im Vergleich zu 25 165 im Dezember 2008.

Weniger betroffen von der Entlassungswelle in der Branche war Berlin. Auf dem Tiefpunkt der Krise, im April 2009, arbeiteten in der Hauptstadt noch 22 141 Menschen als Leiharbeiter, rund 1000 weniger als im Vorjahresapril. Das liegt daran, dass die in der Hauptstadt starke Dienstleistungsbranche von der Wirtschaftskrise weniger betroffen war. Entlassungen gab es vor allem in der Metall-, Elektro- und Automobilindustrie.

Inzwischen ist bundesweit die Grenze von 600 000 Mitarbeitern wieder überschritten, aus Sicht der Arbeitsagentur ein wichtiges Signal. „Zeitarbeit stellt eine Chance für Arbeitslose, von Arbeitslosigkeit bedrohte Arbeitnehmer, Berufseinsteiger oder Berufsrückkehrer dar“, heißt es in einem Bericht zur Zeitarbeit von Januar 2010. Rund zwei Prozent der lohnsteuerpflichtig Beschäftigten in Deutschland sind inzwischen bei Zeitarbeitsfirmen eingestellt.

Die Branche hofft auf neuen Schwung aus der Krise. „Unserer Ansicht nach hat die Krise vielen Arbeitgebern die Vorteile von Flexibilität und Zeitarbeit vor Augen geführt“, sagt Wehran. DIW-Ökonom Karl Brenke bezweifelt, dass Zeitarbeitsfirmen ihren Markt weiter ausbauen können: „Einen generellen Trend zu mehr Zeitarbeit sehe ich nicht.“ Da es in den nächsten Jahren aufgrund der demografischen Entwicklung an Fachkräften mangeln werde, werde es starke Konkurrenz um gut ausgebildete Mitarbeiter geben – und die könnten dann womöglich wieder die direkte Anstellung im Unternehmen vorziehen.

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