Wirtschaft : Krieg in der Schatzkammer

In Nigeria werden Ölfirmen von Milizen bedroht – sie werfen ihnen vor, das Land auszuplündern. Nun steigt der Preis für den Rohstoff

Wolfgang Drechsler[Kapstadt]

Es ist ein heilloses Durcheinander aus schnurgerade durch die Natur geschlagenen Schneisen und sanft geschwungenen Wasserläufen, die sich mal kreuzen und überschneiden, dann wieder nebeneinander herlaufen und schließlich am Horizont verschwinden. Aus der Luft sieht das Einerlei der Mangrovensümpfe und Tropenwälder im Nigerdelta aus wie ein gigantischer Schnittmusterbogen.

Dabei ist die Mündung von Afrikas drittlängstem Strom nicht nur ein hochkomplexes Ökosystem von der Größe der Schweiz, sondern auch die vielleicht größte Schatzkammer Afrikas. Denn unter ihrem Boden lagern gigantische Ölvorräte – insgesamt mehr als 25 Milliarden Barrel. Ein solcher Schatz weckt naturgemäß Begehrlichkeiten, noch dazu, wenn er so ungerecht wie bislang verteilt wird.

Inzwischen tobt in den Creeks, wie die ungezählten Wasserläufe des Deltas heißen, ein regelrechter Krieg um das schwarze Gold. Unter dem Vorwand, für eine Verbesserung der Lebensumstände der hier ansässigen Menschen zu kämpfen, überfällt seit Ende 2005 eine bislang unbekannte Gruppe mit dem Namen „Movement for the Emancipation of the Niger Delta“ (Mend) Förderanlagen und Pumpstationen der großen westlichen Ölkonzerne.

Erst Ende Januar stürmten 30 schwer bewaffnete Milizen die Büros von Italiens Erdölkonzern Agip in der am Delta gelegenen Hafenstadt Port Harcourt. Dabei wurden zehn Menschen getötet. Es war der sechste große Überfall auf eine westliche Ölfirma binnen vier Wochen. Inzwischen sind weitere Ölarbeiter entführt, andere freigelassen worden. Nigerias Armee geht derweil mit Kampfhubschraubern und Motorbooten gegen die Milizen vor, denen sie vorwirft, gewöhnliche Kriminelle zu sein und ihre politischen Forderungen nur vorzuschieben.

Angesichts seiner zunehmenden Bedeutung schauen auch die Ölmärkte mit immer größerer Sorge auf das Delta und die dort ausgebrochenen Verteilungskämpfe. Mit einer Fördermenge von 2,6 Millionen Barrel ist Nigeria heute der achtgrößte Ölförderer der Welt, wobei der ganz überwiegende Teil aus dem Delta stammt. Der von den Unruhen besonders hart betroffene Shell-Konzern hat zwischenzeitlich bereits Konsequenzen gezogen und seine Tagesförderung um bis zu 220 000 Barrel zurückgefahren, was rund zehn Prozent der nigerianischen Gesamtproduktion am Tag entspricht. Auch deshalb hat der Rohölpreis an den internationalen Börsen derzeit ein Zwei-Monats-Hoch erreicht und wieder die Marke von 67 Dollar überschritten. Das ist nahe am Rekord von 70,85 Dollar vom 30. August 2005 in Folge des Katrina-Sturms im Golf von Mexiko. Auch die Verbraucher in Deutschland spüren das: Die Preise für Heizöl und Benzin sind so hoch wie lange nicht mehr.

Zwar hat sich die Lage in Nigeria wieder leicht entspannt. Dennoch befürchten Kenner der Region wie der Sicherheitsexperte Dimieari von Kemedi, dass die Situation langfristig außer Kontrolle geraten könnte – mit gravierenden Folgen für die in Nigeria tätigen Konzerne, die lokale Wirtschaft und den Ölpreis.

Die Unruhen im Nigerdelta zeigen wie so oft, dass ein Rohstoff mehr Fluch denn Segen für ein Land ist, vor allem wenn es wie Nigeria fast ausschließlich auf diesen einen Rohstoff angewiesen ist. Der Ölboom könnte Nigerias größte Probleme lösen – tatsächlich sind sie durch die hohen Einnahmen schärfer geworden. So hegen viele Bewohner der Deltaregion tiefe Ressentiments gegen die Ölkonzerne und das Regime in Abuja, weil die Menschen vor Ort bislang kaum am Ölreichtum partizipiert haben. Gegenwärtig fließen nur 13 Prozent der staatlichen Öleinnahmen ins Delta zurück. Die Bewohner selbst fordern einen Anteil von 50 Prozent.

Symptomatisch für die Vernachlässigung ist ein Bild nahe der Millionenstadt Port Harcourt: Auf der einen Seite eines Creeks liegt hier eine mit Technik voll gestopft Plattform, gleich gegenüber auf der anderen ein verschlafenes afrikanisches Dorf mit rostigen Wellblechdächern und ein paar Bananenstauden. Nahezu 80 Prozent der Deltabewohner unter 30 sind arbeitslos. Und Port Harcourt selbst hat weder ein funktionierendes Strom- noch ein richtiges Wassersystem.

Shell und die Regierung spielen sich den Schwarzen Peter seit Jahren gegenseitig zu. Während Nigerias Machthaber den Ölkonzern beschuldigen, das Land um seinen Anteil zu betrügen, verweist dieser darauf, dass der Staat den Löwenanteil am Ölprofit scheffele und es schließlich seine Aufgabe sei, für die Infrastruktur zu sorgen. Nach langer Zeit hat Shell nun sein Schweigen gebrochen: 2,2 Milliarden Dollar habe der Konzern im vergangenen Jahr an die Regierung überwiesen. Und von 60 Dollar pro Barrel behalte sie 50 für sich selbst.

Trotz der Unruhen und der Differenzen mit den Ölfirmen hofft Nigeria, seine Förderkapazität bis 2010 von heute 2,5 Millionen auf etwa vier Millionen Barrel pro Tag zu steigern. Der hohe Weltmarktpreis und neue Technik machen nun nämlich die Erschließung von Vorkommen lukrativ, die zuvor als zu aufwändig galt. Hauptinteressent sind die USA. Schon heute beziehen sie 15 Prozent ihrer Ölimporte aus Afrika, überwiegend aus Nigeria. Bis 2015 soll der Anteil auf 25 Prozent steigen, dann würde er über den Einfuhren aus dem Persischen Golf liegen.

Doch Nigeria braucht den Westen als Partner und Kunden, weil das Land fast 90 Prozent seiner Exporterlöse aus dem Ölgeschäft bezieht und ohne das schwarze Gold nicht überleben könnte. Der westafrikanischen Staat dürfte deshalb auch alles tun, um die eigene Förderung zu garantieren. Voraussetzung dafür ist aber eine gerechtere Verteilung der Öleinnahmen, wie sie das Regime in Abuja seit langem verspricht.

Insgesamt hat der mit fast 140 Millionen Menschen bevölkerungsreichste Staat Afrikas seit 1970 über 300 Milliarden Dollar aus dem Ölexport verdient. Dennoch ist das Sozialprodukt im gleichen Zeitraum von 800 Dollar auf kaum 300 Dollar pro Kopf im Jahr geschrumpft. Der größte Teil des Geldes ist, wie so oft in Afrika, in den Taschen korrupter Politiker und Lokalfürsten versickert.

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