Wirtschaft : "Kriminelle Machenschaften sind die Ausnahme"

Herr Klemp das Deutsche Rote Kreuz ist auf einem w

Thomas Klemp (50), arbeitet seit mehr als zehn Jahren für den Bundesverband des Deutschen Roten Kreuzes. Zunächst als Justiziar, später als Bereichsleiter für Auslandshilfe und als stellvertretender Generalsekretär. Seit September 2000 führt der Jurist die Geschäfte als amtierender Generalsekretär.

Herr Klemp das Deutsche Rote Kreuz ist auf einem weitem Feld tätig. Wie groß ist der Markt für Wohltätigkeit und soziale Dienste in Deutschland?

Er wird auf 250 Milliarden Mark geschätzt. Für unsere eigene Organisation haben wir keine zuverlässigen Zahlen, weil unsere Vereine alle wirtschaftlich und rechtlich selbstständig sind. Wir gehen als Deutsches Rotes Kreuz von einem Umsatz von rund acht Milliarden Mark aus.

Wie hoch ist das Spendenaufkommen des DRK?

1999 waren es 183 Millionen Mark. Da hatten wir größere Ereignisse, die es 2000 so nicht gegeben hat. Es findet eine Verlagerung von zweckfreien zu zweckgebundenen Spenden statt. Aber bei großen Katastrophen oder Kriegen steigt nicht nur die Summe der zweckgebunden Spenden, sondern auch die der zweckfreien. 2000 wurden nur noch 68 Millionen Mark gespendet. Der Spendenmarkt ist fast ausgereizt.

Ist das nicht auch eine Frage des Spendenmarketings?

Wir feilen ständig an den Instrumenten des Spendenmarketings: mit weniger Aufwand zielgerichteter werben. Ein normales Mailing bei uns umfasst eine halbe bis eine Million Aussendungen. Wir erarbeiten Spenderbiografien, die uns sagen: Diese Gruppe von Spendern in dieser Region reagiert besonders gut auf Naturkatastrophen, andere mehr auf allgemeine Wohlfahrtstätigkeit. Das nennen wir Scoring. Wir versuchen, die Höhe der Durchschnittsspende zu steigern. Ferner können wir uns eine Kombination mit spielerischen Anreizen, also Lotterien, vorstellen.

Lotterien?

Wir denken über ein ähnliches Projekt wie die neue Umweltlotterie nach. Aber das ist bei uns nicht so ohne weiteres durchzusetzen, weil die Verbände relativ viel Geld von der Lotterie zur Finanzierung ihrer Arbeit bekommen. Deshalb muss man wissen, was man aufs Spiel setzt.

Arbeiten für das DRK professionelle Fundraiser?

Wir haben ein Team von fünf Mitarbeitern hier im Haus für die konzeptionellen Aspekte des Fundraising. Für die Mailing-Aktionen setzen wir einen externen Dienstleister ein, für die graphische Aufbereitung beschäftigen wir Agenturen. Für die technische Abwicklung nutzen wir seit langem ein Unternehmen, das mit uns groß geworden ist, die private Gesellschaft für Sozialmarketing in Bad Honnef. Die machen die Datenpflege und besorgen die Aussendungen.

Wie werden die Fundraiser entlohnt?

Wir bezahlen im Fundraising für eine Dienstleistung, also keine erfolgsabhängigen Provisionen.

Normalerweise ist die Bezahlung an den Erfolg gebunden.

Das ist so bei denjenige, die in den Haushalten Geld sammeln oder Mitgliedschaften werben. Die bekommen Provisionen.

Sind das freie Vertreter?

Nein, wir haben eine eigene Service-GmbH, die verschiedene Dienstleistungen innerhalb des DRK erbringt. Die sind seit Jahr und Tag in der Mitgliederwerbung tätig, deren Mitarbeiter gehen von Tür zu Tür. Daneben gibt es einige private Anbieter, die auf Provisionsbasis arbeiten.

Wie hoch sind die Provisionen?

Das ist sehr unterschiedlich. So bis 80 Prozent des ersten Jahresbeitrags, bei den gewerblichen geht es auch höher. Für uns liegt die Schmerzgrenze bei 80 - 90 Prozent des ersten Jahresbeitrages. Das klingt hoch und ist auch immer wieder umstritten. Es rechtfertigt sich aber, weil die durchschnittliche Mitgliedsdauer bei zehn Jahren liegt.

Wieviel bringen die Mitgliederbeiträge ?

Das wissen wir nicht. Mitgliedsbeiträge werden bei uns auf der Kreisverbands- oder der Ortsvereinsebene erhoben. Oft zahlen die Mitglieder nach Selbsteinschätzung. Der Mindestbeitrag, den ein Kreisverband festsetzt, ist mit zwei Mark im Monat sehr niedrig. Wir bekommen als Bundesverband nur Beiträge unserer Landesverbände. Das sind etwa sechs Millionen Mark im Jahr.

Empfinden Sie keinen Imagebruch zwischen dem wohltätigen Roten Kreuz und dem Fundraising?

Da gibt es einen Spagat, keine Frage. Wir versuchen, unser professionelles Fundraising, auf das wir nicht verzichten können, so zu gestalten, dass es nicht aufdringlich ist.

Hat das Finanzamt keine Bedenken, wenn von dem abzugsfähigen Spendenaufkommen ein hoher Prozentsatz für das Einsammeln verbraucht wird?

Nein, aber es gibt immer wieder Diskussionen. Die Oberfinanzdirektion Düsseldorf soll gerade wieder festgelegt haben, es dürften nicht mehr als zehn Prozent des Spendenaufkommens für die Verwaltungskosten ausgegeben werden.

Das ist doch völlig unrealistisch.

Es kommt darauf an, was man zugrunde legt. Das reine Fundraising kostet sicher keine zehn Prozent des Spendenaufkommens. Aber wenn ich den Unterhalt des gesamten Apparates mit dazurechne, dann erreichen wir 25 bis 30 Prozent.

Das DRK und andere karitative Großunternehmen sind immer wieder durch Skandale in die Schlagzeilen geraten. Der Landesverband Berlin musste kürzlich Insolvenz beantragen. Wie kann so etwas passieren?

Gott sei Dank sind kriminelle Machenschaften und persönliche Bereicherung die Ausnahme. In der Regel ist es Misswirtschaft. In der hauptamtlichen Leitung unserer Verbände haben wir meist Leute, die keine Kaufleute sind. Sie haben nicht die betriebswirtschaftlichen Instrumente zur Verfügung, um ein Unternehmen zu steuern.

Sie sagen "Unternehmen"?

Wenn wir Unternehmen sagen, dann ist das eine Sichtweise, die im Roten Kreuz noch nicht allzu lange verbreitet ist. Wir waren ein Idealverein, der, weil die Welt halt so ist, sich auch wirtschaftlich betätigen muss. Nun haben wir einen echten Mangel an Management. So passiert es oft, das da Dinge laufen, ohne das es jemand merkt. Irgendwann kommt der Jahresabschluss und da sind die Zahlen plötzlich rot. Berlin war ein klassischer Fall. Es gab keine interne Kostenrechnung.

Wer prüft denn die einzelnen Organisationen?

Normalerweise prüfen externe Wirtschaftsprüfer die größeren Ortsverbände und die Kreis- und Landesverbände. Interne Revisionen kennen nur ganz große Kreisverbände, die Landesverbände und wir. Ansonsten sind die Einheiten zu klein. Sie haben meist einen Steuerberater, der sie berät und sich gelegentlich mal Sachen anguckt. Wir haben jetzt im Verband durchgesetzt, dass jeder Jahresabschluss von Wirtschaftsprüfern testiert und eine interne Revision sichergestellt sein muss.

Wie beseitigen Sie die Managementdefizite?

Wir haben eine Rotkreuz-Akademie, deren Aufgabe die Fortbildung unserer Führungskräfte, gerade auch im Betriebswirtschaftlichen, ist. Es ist eine fliegende Akademie. Die Verwaltung sitzt in Göttingen, aber sie veranstalten Kurse im ganzen Bundesgebiet.

Wie stellt sich das Rote Kreuz für die Zukunft mit immer mehr Wettbewerbern auf denselben Tätigkeitsfeldern auf?

Wir wollen im Wettbewerb bestehen und stellen uns darauf ein, in bestimmten Arbeitsfeldern konsequent wirtschaftlich zu arbeiten. Diese Felder nennen wir die marktnahen Segmente. Meine Idealvorstellung ist: Es gibt ein Franchise-System, das bundesweit für das gesamte DRK gilt, und zwar für die verschiedenen marktnahen Segmente, wie Altenpflege, Rettungsdienst usw. Das DRK setzt die Standards fest, und hat die Instrumente, um sicherzustellen, dass, wer immer sich innerhalb des Roten Kreuzes betätigt, diese Standards erfüllt.

So wie McDonalds ...

Ja, und das ist mühsam durchzusetzen. Wir haben ein einziges Instrument auf der Bundesebene, und das ist der Entzug des Rotkreuz-Zeichens. Das haben wir bisher in keinem Fall angewandt, weil es sehr hart ist, einen Verband ganz aus dem Roten Kreuz rauszudrängen. Wir versuchen jetzt, den Leidensdruck im insolventen Landesverband Berlin auszunutzen. Wir reden dort mit den Kreisverbänden und mit dem, was vom Landesverband übriggeblieben ist, um ein solches Modell aufzubauen. Es wäre eine GmbH mit den verschiedenen Sparten zunächst einmal für Berlin. Man könnte dann sukzessive Brandenburg mit einbeziehen. Aber vom Ansatz her gilt das Modell bundesweit. Daneben bleibt natürlich die ideelle Tätigkeit, die weiterhin im Verein geschehen soll. Sie ist der Sammelpunkt für ehrenamtliche Tätigkeit in den Bereitschaften, in der Wasserwacht, in der Bergwacht. Dorthin gehen die Mitgliedsbeiträge, so dass wir eine saubere Trennung des Idealvereins von der gewerblichen Tätigkeit haben.

Wann wird dieses System umgesetzt sein?

In zehn Jahren, da muss man sehr realistisch sein. Wir haben Teilstrategien für das eine oder andere, aber da das alles auf Konsens beruht am Ende, wenn es denn in den Gremien beschlossen werden soll, sind diese Strategien so allgemein gehalten, dass man alles und nichts darunter fassen kann. Aber man muss ein Ziel haben, wenn man sich organisiert. Das ist in dieser Struktur des Verbandes so nicht möglich.

0 Kommentare

Neuester Kommentar