Wirtschaft : Kunst zwischen Hauptgang und Dessert

KAREN WIENTGEN

BERLIN. .Das Buffet ist aufgegessen, satt sitzen die Menschen an ihren Tischen.Mit einem Mal geht das Licht aus, ein Scheinwerferstrahl wandert durch den Raum auf die Bühne und erfaßt sechs Gestalten.Es folgen 45 Minuten Gesang, Tanz und gute Laune.

Ein Gala-Musical für Unternehmensveranstaltungen - eine Dienstleistung besonderer Art und eine "Weltneuheit", so meint zumindest Stephan Bollinger, der Initiator und eloquente Verfechter der Idee, der im Stück einen übercoolen Entertainer namens Sam mimt.Neu ist ein künstlerischer Höhepunkt bei Unternehmensveranstaltungen nicht.Zauberer oder Jongleure servieren die Unternehmen ihren verdienten Mitarbeitern oder ihren besten Kunden schon jetzt zwischen Hauptgang und Dessert.Neu ist aber ein Musical, das speziell auf die Bedürfnisse der Beschäftigten oder Kunden eines Unternehmens zugeschnitten ist, das zudem noch nach schwerem Essen und einem langem Tag verdaulich ist.Ein Musical habe zudem einen hohen gesellschaftlichen Stellenwert und führe zu erwünschten Reaktionen beim Publikum, wie "Oh, die haben sich nicht lumpen lassen." Die Geschäftsidee der sechs Schauspieler und Sänger, soll für alle möglichen Anlässe passen: von Firmenfeiern bis hin zur Präsentation neuer Produkte.Die Truppe, deren Mitglieder an öffentlichen und privaten Theatern mehr oder weniger beschäftigt waren, nutzt einen Wirtschaftstrend: angesichts der Konkurrenz müssen Unternehmen dafür sorgen, daß Mitarbeiter und Kunden zu dem Produkt eine emotionale Bindung herstellen.Dafür haben sie das Musical "whynot" konzipiert.

Bollinger betritt mit seiner Gruppe kein unvertrautes Terrain.Bei mehreren hundert Galaveranstaltungen hat er mitgewirkt, entweder als Darsteller oder Organisator.Er weiß, daß hier viel Geld zu holen ist.Drei bis viermal im Jahr machen etwa große Unternehmen sogenannte Special Events, bei denen schon mal 300 000 DM ausgegeben werden.Er weiß auch, worauf es ankommt, damit ein künstlerischer Auftritt ein Erfolg wird."Es hat viel mit Psychologie zu tun", erklärt er."Das Stück darf nicht zu ernst, nicht zu sexistisch aber auch nicht zu comedyhaft sein, um möglichst viele Leute zu erreichen."

Wie kam Bollinger auf die Idee? Auf einer langen Autofahrt von Berlin nach Wien.Hinter ihm lag die frustrierende Erfahrung, sechs Monate bei einer Musicalproduktion mitgearbeitet zu haben, ohne einen Pfennig zu sehen, weil der Veranstalter in Konkurs ging.Vor ihm lag die ebenfalls frustrierende Aussicht, sich bis zum Beginn der nächsten Produktion mehrere Monate mit Arbeitslosengeld über Wasser zu halten.Eine Alternative, die für Bollinger nicht in Frage kam, allein schon "wegen des inneren Schweinehundes." Und so kam die Idee, selbst etwas auf die Beine zu stellen.Er gewann einen Schweizer Komponisten für die Idee, nahm die Musik auf, klärte rechtliche Aspekte, probte drei Wochen am Stück.Finanziert wird das Stück aus Eigenmitteln.

Arbeitslos, zumindest über einen längeren Zeitraum, war zwar keiner der sechs Künstler.Doch sie empfinden es als anstrengend, sich von Vertrag zu Vertrag zu hangeln, zudem gibt es zwischen den Produktionen oft mehrmonatige Pausen.Anreiz war aber auch, endlich einmal etwas selbst zu machen, zudem die Rolle, etwa die Stimmlage bei den Liedern, auf den Leib beziehungsweise das Stimmvolumen zugeschnitten zu bekommen, wie die Sängerin Judy Weiss betont."Wir träumen nicht davon, große Kunst zu schaffen," sagt der Komponist Roman Riklin, der auch selbst mitspielt."Sondern wir wollen mit einer kunstvollen Commercial-Show Geld verdienen."

Am Dienstag ist es soweit.Im Friedrichstadtpalast erlebt "Whynot" Premiere.Zuschauer sind 120 Vertreter von Unternehmen, die die Party dann für 15 000 DM pro Abend mieten können.Schon einige große Firmen hätten Interesse gezeigt, sagt Bollinger.

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