Wirtschaft : Kunstblut für Hollywood

Die Berliner Firma Kryosan ist Weltmarktführer für Theaterschminke mit Standorten in San Francisco, London, Polen und Indien

Anne Hansen

Berlin - Will man das Unternehmen Kryolan verstehen, muss man Arnold Langer besuchen. Man muss dazu in den Berliner Norden fahren. Nach Wedding, dorthin, wo die Arbeitslosenquote bei 24 Prozent liegt. Man muss durch die Provinzstraße fahren und hinter der Bäckerei Sagra abbiegen, die Filterkaffee für 50 Cent verkauft. Dann muss man der Papierstraße folgen, bis die Sackgasse an einem kleinen Grünstreifen endet. Hier, neben dem Kleingartenverein Sommerglück, hinter einer Glastür, hat der Weltmarktführer für Theaterschminke seinen Hauptsitz. Arnold Langer, der 84-jährige Chef und Gründer von Kryolan, steht im weißen Kittel zwischen zwei Schreibtischen und zuckt mit den Schultern: „Nun ja, wir haben eben einen Marktanteil von 90 Prozent.“ Schreiben soll man das lieber nicht, sagt Langer. „Nicht so dick auftragen.“

Arnold Langer hat vor 60 Jahren, drei Monate nach Ende des zweiten Weltkrieges, angefangen, Hautcremes und flüssige Seife herzustellen. Den Rohstoff dafür holte er sich mit einem Handwagen von einer zentralen Vergabestelle ab, und einmal ist er mit seiner Frau sogar bis nach Halle gefahren. Verpackt wurden die Produkte in Flaschen und Dosen, die die Kunden entweder selbst mitbrachten oder die Langer irgendwo gefunden hatte. Zusammen mit seinem Kommilitonen Heinz Krause gründete der studierte Chemiker schließlich die Firma Kryolan – Kr für Krause, lan für Langer. „Beschwerlich und mühsam war es“, sagt Arnold Langer heute. Ob er es trotzdem wieder machen würde? Natürlich, sagt er.

Bis in die sechziger Jahre gab es noch Konkurrenten in Berlin und Hamburg, heute dominiert das Unternehmen, das von Arnold Langer und seinem Sohn geführt wird, den Markt. In Berlin hat die Firma 100 Mitarbeiter, weltweit sind 220 Chemiker, Biologen, Techniker oder auch Bürokaufleute für Kryolan tätig. Neben Berlin gibt es noch Standorte in San Francisco, London, Polen und Bangladesch. Vor kurzem wurde eine Produktionsstätte in Indien eröffnet. Während Langer erzählt, sitzt ein Inder im Büro nebenan und lernt, wie man künstliche Bärte herstellt.

Aus der Hautcreme und Seife von 1945 ist ein Katalog mit 130 Seiten geworden. Das Angebot reicht von Theaterschminke, Puder, Lippenstiften über falsche Bärte und Wimpern hin zu Camouflage-Schminken, die Hautveränderungen wie Feuermale oder Weißflecken bedecken. „Oder wenn Sie mal zu viel getrunken haben und Ihre Augenringe nicht wegbekommen“, sagt Langer und zwinkert verschwörerisch. Und natürlich darf auch die Blutpalette im Sortiment nicht vergessen werden. „Mein Sohn sagt, dass wir über 5000 Produkte haben“, sagt Langer. Er selbst hat nie gezählt, sagt er. Die Rezepte stammen meist von ihm selbst.

Theater und Opern auf der ganzen Welt zählen zu den Kunden. Und auch im Film und in der Werbung kommen die Kryolan-Produkte zum Einsatz. Für den Monsterfilm „Hulk“ lieferte das Unternehmen die grüne Spezialfarbe, die Farbe für die lila Milka-Kuh wird von den Berlinern hergestellt, und als dem Regisseur Steven Spielberg zu seinem Film „Schindlers Liste“ das Blut ausging, schickte Langer ein paar Liter an den Drehort. Auch dass Armeen zu den Kunden von Kryolan gehören, findet er nicht außergewöhnlich. Die Holländer tarnen sich eben mit einem bestimmten Olivton, um sich im Gebüsch zu verstecken, und in die Türkei liefert man eine wüstenähnliche Farbe. Auch die Camouflage- Schminken, die Hautveränderungen bedecken, werden viel verlangt. Vor ein paar Jahren musste Langer seinen Gran-Canaria-Urlaub kurz vor Abflug absagen, weil ein Dermatologen-Kongress in Indien ihn eingeladen hatte. „Die Leute haben uns die Produkte aus den Händen gerissen“, erzählt Langer.

Über den Umsatz und den Gewinn spricht der Chef nicht. Er schüttelt den Kopf und schmunzelt ein wenig. „Kommt nicht in Frage.“ Bohrt man weiter, sagt er schließlich, dass das Unternehmen ein Umsatzwachstum von 15 Prozent hat. „Uns geht es nicht schlecht“, sagt Langer. Bitte keine Nachfragen mehr.

Langer sagt von sich selbst, dass er eher bescheiden ist. Die Broschüre, die zum 60-jährigen Jubiläum herausgegeben wurde, findet er ein wenig überzogen. Sein Name sei zu oft erwähnt worden, das muss doch eigentlich nicht sein, findet er. „Ich bin für so viel Aufsehen ja gar nicht.“ Lieber arbeitet Langer hinter den Kulissen, dort, wo keiner es so richtig mitbekommt. Im Urlaub zum Beispiel, wenn er im Strandkorb auf einer Nordseeinsel sitzt und Schminkfibeln für Kinder schreibt.

Während er von weiteren Buchprojekten spricht, geht die Tür auf und ein Mann kommt rein. Er begrüßt Langer und verspricht, später noch einmal wiederzukommen. Ein Mitarbeiter? „Nein, der ist schon längst pensioniert“, sagt Langer. „Der ist doch schon alt.“ Der Besucher ist 84 Jahre alt, genau wie Langer selbst.

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