Wirtschaft : Kurzarbeit im Büchsen-Werk

Annette Kögel

Eines können Sie mir glauben. Das war keine besonders erfreuliche Woche für uns.“ Jürgen Friese, Prokurist beim einzigen Dosen-Hersteller in Berlin, hat die Folgen des neuen Umweltpfandes schon vor dem alles entscheidenden Urteil zu spüren bekommen. Seit einer Woche ist in dem Rexam-Werk an der Goerzallee in Steglitz Kurzarbeit angeordnet. Bislang stellten die insgesamt 236 Mitarbeiter täglich 4,5 Millionen Büchsen aus Weißblech und Aluminium her. Jetzt sind es wegen der gesunkenen Nachfrage etwa von den Brauereien gerade noch ein Drittel davon. Sorgen bei der Einweg-Getränke-Industrie – und Ärger bei den Einzelhändlern. Bei vielen Geschäften flattern dieser Tage regelrechte Drohbriefe von Umweltverbänden ins Haus.

„Wir haben einen ganz konkreten Nachfragerückgang“, sagte Rexam-Prokurist Friese dem Tagesspiegel. Denn die Getränkehersteller rechnen damit, dass die Verbraucher zu Jahresbeginn wegen der vielerorts noch ungeklärten Rücknahme weniger Getränkebüchsen kaufen und auch seltener zu Einwegflaschen greifen. Deswegen hat etwa Brau & Brunnen bei dem einzigen Büchsen-Werk in Berlin deutlich weniger Verpackungsmaterial bestellt.

„Bislang haben wir das Werk mit einem Drei-Linien-Betrieb gefahren“, berichtet Friese. Nun aber werden Blech- und Alubüchsen nur noch auf einer Fertigungsstraße hergestellt. Nach Auskunft des Rexam-Prokuristen hat sich die Firma bemüht, die Minderarbeit – mit entsprechend niedrigerem Verdienst – auf alle Mitarbeiter gerecht zu verteilen.

Langfristig sieht der Rexam-Prokurist den Standort aber nicht in Gefahr: „Die Leute wollen die Büchse.“ Sie sei bequem zu transportieren und schnell zu kühlen, deshalb werde der Konsument sie „trotz des Zwangspfandes weiter kaufen“. Dies habe auch die Erfahrung etwa in Schweden gezeigt. Nach anfänglicher Verunsicherung legen die Verbraucher dort die infolge des Pfandes etwas teurer gewordene Büchse wieder in den Einkaufskorb. Der Präsident des Rexam-Konzerns, Rolf Börjesson, ist selbst Schwede – und hat den entscheidenden Stellen in Deutschland bereits angeboten, bei der Erstellung eines einheitlichen Rücknahmesystems zu helfen.

Unterdessen beunruhigt ein in drastischen Worten gehaltenes Warnschreiben von Vertretern des Nabu, des BUND, der Deutschen Umwelthilfe und des Deutschen Naturschutzrings viele Einzelhändler. „Die Umwelt- und Verbraucherschutzverbände werden einen in Ihrem Geschäft festgestellten Verstoß unverzüglich zur Einleitung eines Ordnungswidrigkeitenverfahren anzeigen“, heißt es da. Und: „Testkäufe werden wir auch mit Medienbegleitung durchführen. Ferner müssen Sie im Fall der Nichtbepfandung mit einer wettbewerbsrechtlichen Abmahnung rechnen.“ Angekündigt sind Ordnungsgelder von bis zu 250 000 Euro. Ein Schreck für viele Selbstständige in Berlin, die die „Teuro“-Debatte gerade verkraftet haben.

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