Wirtschaft : Lange Leitung für Berlin

An diesem Freitag beginnt der Bau der Ostsee-Gas-Pipeline. Doch es gibt Kritik

Anselm Waldermann

Berlin - Gerade einmal zwei Wochen ist es her, dass Michael Glos (CSU) als Wirtschaftsminister vereidigt wurde – und schon muss er frostige Aufgaben wahrnehmen. Im winterlichen Norden, rund 800 Kilometer östlich von St. Petersburg, wird er an diesem Freitag dem Baubeginn für die russisch-deutsche Ostsee-Gaspipeline beiwohnen. Mit dabei sind neben dem russischen Premierminister Michail Fradkow auch die Vorstandschefs der beteiligten Unternehmen: Auf russischer Seite Alexej Miller für den Gasgiganten Gasprom sowie auf deutscher Seite Wulf Bernotat für Eon und Jürgen Hambrecht für BASF.

Die hochkarätige Besetzung des Termins kommt nicht von ungefähr – schließlich gilt die geplante Ostsee-Pipeline als Mammutprojekt: Über 1200 Kilometer soll sie unter Wasser verlaufen, von Wyborg bei St. Petersburg bis nach Lubmin in der Nähe von Greifswald. Kosten des Vorhabens: mehr als vier Milliarden Euro. Jährlich sollen erst 27 und später dann bis zu 55 Milliarden Kubikmeter Erdgas durch die Leitung fließen. Zum Vergleich: Der Jahresbedarf in Deutschland liegt derzeit bei knapp 90 Milliarden Kubikmetern.

Zunächst geht es jedoch nur um den Bauabschnitt auf dem russischen Festland. Über eine 917 Kilometer lange Leitung sollen die Erdgasquellen rund um Babajewo mit der Ostsee verbunden werden. Miller, Bernotat und Hambrecht wollen trotz eisiger Kälte die beiden ersten verschweißten Rohre eigenhändig signieren.

Wann allerdings der eigentliche Bau in der Ostsee beginnt, steht noch nicht fest. „Es wird alles zügig vorangehen“, sagt Stefan Leunig, Sprecher der BASF-Tochter Wingas. Ab 2010 jedenfalls soll das erste Gas in Richtung Westen fließen. Von Lubmin aus wird es dann in das bestehende deutsche Leitungsnetz eingespeist. Auch nach Berlin dürfte das „Ostseegas“ dann kommen.

In der Europäischen Union ist das Pipeline-Projekt allerdings umstritten. Während die deutsche Regierung die zusätzliche Versorgung mit Gas begrüßt, kommt aus Polen und den baltischen Staaten Widerstand: Sie fühlen sich übergangen und fürchten Umweltprobleme. Nun soll die Regierung in Warschau über eine gemeinsame deutsch-polnische Arbeitsgruppe auf dem Laufenden gehalten werden. „Es bleibt aber bei Planung und Durchführung der Pipeline“, stellte Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) bereits klar.

Probleme gibt es allerdings auch von anderer Seite. So fürchtet die Ukraine, dass die eigenen Gaspipelines in Richtung Westen nicht mehr ausgelastet werden. Gerade erst hatte die russische Gasprom gedroht, dass weitere Gaslieferungen durch das Nachbarland ab 2006 nicht mehr gesichert seien.

Ohnehin ist fraglich, ob die Ostsee-Leitung Gas für die Westeuropäer billiger machen wird. „Mengenmäßig ist die Versorgung für Deutschland sichergestellt“, erklärt Leunig von Wingas. „Was das aber für die Preise heißt, lässt sich nicht sagen.“ Schließlich seien die Russen wegen der weltweit steigenden Nachfrage in einer immer besseren Verhandlungsposition. Erst vor wenigen Tagen hatte Gasprom angekündigt, die Preise für Exporte nach Westeuropa im kommenden Jahr um zwei bis vier Prozent zu erhöhen.

So verwundert es nicht, dass sich die kritischen Stimmen mehren. „Die Ostsee-Pipeline ist eine gigantische Fehlinvestition“, sagt Hans-Josef Fell, neuer energiepolitischer Sprecher der Grünen. Alternativen an Land seien billiger und umweltfreundlicher. „Der Einzige, der von der Leitung profitiert, ist Russland“, sagt Fell. „Es geht nur darum, Druck auf Polen und die Ukraine auszuüben.“ Dabei werde es Russland schon ab 2010 schwer fallen, die Pipeline mit ausreichend Gas zu füllen. „Was wir gerade erleben, ist bereits der Beginn europäischer Ressourcenkonflikte.“

Die Unternehmen hingegen halten das Projekt für unverzichtbar: „Wir werden über die Pipeline neue Gasmengen beziehen“, erklärt Astrid Zimmermann, Sprecherin von Eon-Ruhrgas. „Dadurch lässt sich die Versorgungslücke schließen, die sich sonst in ganz Westeuropa ergäbe.“ Langfristig seien auch Lieferverträge mit Großbritannien geplant, dessen eigene Gasquellen zusehends versiegen.

Die europäische Dimension des Projekts wird auch darin deutlich, dass sich neben Eon und BASF weitere Unternehmen beteiligen möchten. So hat Gasprom nach eigenen Angaben zum Beispiel BP als zusätzlichen Partner ins Auge gefasst. Doch auch die niederländische Gasunie oder Gaz de France kämen in Frage. Daneben finden Gespräche mit der norwegischen Norsk Hydro statt. „Ein möglicher Vierter im Bunde müsste aber einen strategischen Mehrwert mitbringen“, sagt Leunig von Wingas. „Geld allein reicht nicht.“ Schließlich könnten Gasprom, Eon und BASF das Projekt auch alleine stemmen.

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