Wirtschaft : Lebensversichererkritisieren Steuerpläne

Verunsicherung macht sich bereits bemerkbar

Köln (aku).Lebensversicherungen stehen bei den Deutschen noch hoch im Kurs: Die Branche meldet nach einer zweijährigen Durststrecke ein erfreuliches Geschäftsjahr 1996 und verzeichnet ein besonders starkes Wachstum bei neu abgeschlossenen Verträgen.7,24 Mill.Neuversicherungen bedeuteten eine Steigerung von 7,2 Prozent gegenüber dem Vorjahr.Ähnlich wuchs auch die versicherte Summe um 8,7 Prozent auf 358 Mrd.DM.Diese Entwicklung sei auf das gesteigerte Bewußtsein der Bürger für eine eigenverantwortliche Vorsorge zurückzuführen, sagte Gerhard Rupprecht, Vorsitzender des Hauptausschusses Lebensversicherung beim Gesamtverband der Deuschen Versicherungswirtschaft und Allianz-Vorstand, am Montag abend in Köln.Zugleich warnte er die Bundesregierung, die Pläne für eine Besteuerung der Lebensversicherungen umzusetzen.Schon jetzt hätte die Diskussion zur Verunsicherung beigetragen. Die Beitragseinnahmen der deutschen Lebensversicherer insgesamt stiegen im vergangenen Jahr gegenüber 1995 um 5,2 Prozent auf 93 Mrd.DM.Im Gegenzug zahlten die Unternehmen 65,1 Mrd.DM aus, acht Prozent mehr als 1995.Die Nettoverzinsung der Kapitalanlagen in Höhe von insgesamt fast 760 Mrd.DM betrug 1996 7,4 Prozent.Als bemerkenswert bezeichnete Rupprecht, daß es erstmals seit Jahren wieder ein stärkeres Wachstum bei Verträgen mit laufenden Beitragszahlungen als bei Lebensversicherungen mit Einmalbeitrag gegeben habe.Weniger zufrieden sind die Lebensversicherer mit dem ersten Quartal des laufenden Jahres.Sie verzeichneten mit 1,64 Mill.neuer Verträge nur eine leichte Steigerung von 0,2 Prozent.Im Unterschied zum Vorjahreszeitraum hat aber die Zahl der Einmalbeiträge wieder deutlich zugenommen. Für den verhaltenen Jahresauftakt machte Rupprecht die Pläne der Bundesregierung verantwortlich, von 1999 an die Lebensversicherungen besteuern zu wollen."Wir halten diese Form von Gegenfinanzierung für den schlechtesten aller denkbaren Wege", sagte Rupprecht.Die Pläne führten bereits zu einer Verunsicherung der Bevölkerung mit der Folge, daß Entscheidungen über die Vorsorge aufgeschoben würden.Die Besteuerung könnte auch dazu führen, daß Versicherungen im Ausland abgeschlossen werden. Rupprecht ging auch auf die aktuelle Diskussion über das Verhalten der deutschen Versicherer in der NS-Zeit ein.Als erschreêkend bezeichnete er, "mit welch grauenhafter Konsequenz die Unmenschlichkeit bürokratisiert" worden sei.Von 1933 an seien jüdische Versicherte gezwungen worden, ihre Lebensversicherungen zu kündigen.Emigranten hätten so wenigstens noch Geld in Höhe des Rückkaufwertes erhalten.Später seien die Gelder auf Sperrkonten des Reiches geflossen.Ende 1941 wurden dann die Vermögen von Juden konfisziert, Lebensversicherungen wurden gekündigt. Rupprecht betonte, daß sich nach bisherigen Erkenntnissen die Versicherungen nicht am Geld ihrer jüdischen Kunden bereichert hätten.Bei der Allianz werden zur Zeit eine halbe Million Verträge aus der NS-Zeit unter Aufsicht von Wirtschaftsprüfern überprüft.Einige Verträge von jüdischen Versicherten haben den Krieg überdauert.Wenn der Betreffende nicht gefunden werden konnte, hätten die Unternehmen aus ihrer Bilanz durch Kriegsende und Währungsreform entstandene Ausgleichsansprüche an den Bund in Höhe der fälligen Versicherungssumme zurückgenommen.Das Geld sei, so Rupprecht, nicht bei den Versicherungen liegengeblieben.

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