Lebensversicherungen : Die Garantie läuft aus

Lebensversicherungen reagieren mit neuen Produkten auf niedrige Zinsen - statt einer Garantie versprechen die Unternehmen eine höhere Rendite.

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Mehr Risiko. Wer jetzt eine Lebensversicherung abschließt, kann die Auszahlung im Alter häufig schlechter abschätzen.
Mehr Risiko. Wer jetzt eine Lebensversicherung abschließt, kann die Auszahlung im Alter häufig schlechter abschätzen.Foto: Imago

Die deutsche Lebensversicherung steckt in einer Zeitenwende. Der lebenslange Garantiezins von derzeit 1,75 Prozent wackelt. Ist die klassische Lebensversicherung, von der mehr als 90 Millionen Policen in deutschen Schubladen liegen, ein Auslaufmodell? „Fast alle Versicherer arbeiten derzeit mit Hochdruck an neuen Produkten, die 2014 oder 2015 auf den Markt kommen werden“, sagt Reiner Will, Versicherungsspezialist und Geschäftsführer des Ratingunternehmens Assekurata. Die Verbraucher erwartet eine neue, bunte Produktwelt mit höchst unterschiedlichen Konstrukten und teils abgespeckten, teils abgeschafften und teils veränderten Garantie- und Zinszusagen. Als Gegenleistung versprechen manche Versicherer eine „signifikant“ höhere Rendite. Das Geschäft mit der klassischen Lebensversicherung werde stark zurückgehen, vermutet Will. Verbraucherschützer kritisieren, dass der Markt komplexer und intransparenter werde. Die Gegenleistung für den Garantieverzicht sei unsicher, so dass die Kunden ihrem Versicherer einen Vertrauensvorschuss geben müssten.

Allianz, Ergo oder Axa sind bereits seit Juli 2013 mit Lebensversicherungen auf dem Markt, die die garantierte Verzinsung der Sparbeiträge abgeschafft oder verändert haben. Das Geschäft mit der neuen Produktkategorie verläuft offensichtlich schleppender als erwartet. „Etwa die Hälfte der Neukunden entscheidet sich für eine Versicherung ohne Garantiezins“, sagt Ergo-Sprecher Robert Hirmer. Den Deutschen ist Sicherheit wichtig. „Das Wort Garantie hat bei uns einen Nimbus“, weiß Will. Ein völliger Verzicht auf Garantien komme beim Kunden nicht an.

Das Allianz-Produkt ist deshalb ein Zwitter: Das Unternehmen legt die Kundengelder mehrheitlich in Pfandbriefen und Unternehmensanleihen, zu einem kleineren Teil auch in Aktien, Immobilien und Infrastrukturprojekten an, verspricht dem Kunden aber keinen konkreten Zinssatz mehr, sondern garantiert nur den Erhalt seiner Beiträge und eine individuelle Mindestrente. Wie hoch die Rente später tatsächlich ist, weiß der Kunde nicht. Die Ergo aus dem Konzernverbund der Munich Re splittet das Geld der Kunden in drei Töpfe. Ein Teil geht an die Geldmärkte mit variablen Zinsen, ein zweiter Teil in rentablere Papiere an Renten- und Aktienmärkten, ein dritter in eine Sicherungskomponente. Die Garantie der Beiträge gilt erst nach einer Vertragsdauer von 15 Jahren.

Die neue Produktwelt ist eine Reaktion auf die lange Zinsdürre. Zinspapiere mit hoher Bonität, etwa deutsche Staatsanleihen, werfen derzeit nur noch 1,65 Prozent pro Jahr ab. Die Versicherungswirtschaft ist also gezwungen, auf andere Investments auszuweichen, zumal sie zum Teil auch noch Garantiezinsen älterer Verträge von vier Prozent erwirtschaften muss. Mit den neuen Papieren sparen sich Versicherer wie Kunden einen Teil der Garantiekosten, die Verträge werden also billiger, es steht mehr Geld zur Anlage zur Verfügung. Zusätzlich sind die Versicherer freier in der Anlage der Kundengelder und können ihre Risikorücklagen leicht abspecken. Ob dies am Ende tatsächlich zu einer höheren Rendite führen wird als bei der klassischen Lebensversicherung, ist unsicher. Die Allianz möchte für ihr Produkt „Perspektive“ 0,3 Prozentpunkte mehr herausholen als mit einer herkömmlichen Lebensversicherung. Seit der Einführung im Juli 2013 sei ein Plus von 0,1 Prozentpunkten zu verzeichnen, so Allianz-Sprecher Rössler. Das klingt nach einem sehr bescheidenen Vorteil. Doch nach 30 Vertragsjahren, erklärt der Allianz-Sprecher, „hat ein Versicherter ohne Garantiezins dann etwa fünf Prozent mehr Kapital in seinem Vertrag“. Natürlich nicht garantiert.

Einen Schub für die neuen Produkte könnte auch eine weitere Absenkung des Garantiezinses auf 1,25 Prozent bringen, wie sie im Raum steht. Überhaupt ist das Garantieversprechen schon jetzt nicht mehr allzu viel wert. Nach Kosten, so hat die Assekurata berechnet, bleibt einem Sparer mit 1,75 Prozent Garantiezins eine garantierte Beitragsrendite von 0,9 Prozent – im Durchschnitt. Positiv betrachtet bedeutet dies: Diesen Satz erhält er sicher bis zum Vertragsende. Aus einem negativen Blickwinkel heißt dies aber auch, dass mehr als die Hälfte der Garantie von Kosten aller Art aufgezehrt wird. Zudem verhindert die Garantie stets nur einen nominalen, nicht aber einen realen Kapitalverlust nach Inflation: Eine 18-Jährige, die derzeit bei der Ergo eine klassische Rentenversicherung abschließt und monatlich 100 Euro zahlt, hat bei Rentenbeginn mit 60 im Jahr 2056 eine garantierte Rente von 188 Euro. Allerdings wird diese Rente in 42 Jahren, bei einer jährlichen Inflation von im Schnitt zwei Prozent, nur noch eine Kaufkraft von etwa 82 Euro haben. Nötig wäre dagegen eine Rente von 431 Euro, um die gegenwärtige Kaufkraft auch für 2056 zu sichern. 433 Euro Monatsrente verspricht die Ergo in diesem Fall rechnerisch auch, aber nur inklusive aller Gewinn- und Überschussbeteiligungen. Und die sind nicht garantiert.

Versicherungsexperte Will glaubt, dass günstigere Produkte für den Kunden grundsätzlich von Vorteil seien. Allerdings habe sich die klassische Lebensversicherung gerade im gegenwärtigen Zinstal durchaus bewährt. Für dieses Jahr schreiben die Rentenversicherungen – die wichtigste Sparte der Lebensversicherungen – ihren Kunden im Schnitt noch 3,4 Prozent Zinsen gut. Das sind zwar 0,2 Prozentpunkte weniger als ein Jahr zuvor. Höhere Zinsen mit vergleichbarem Risiko sind sonst nirgends zu erzielen.

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