Wirtschaft : Lieber zocken als zaudern

Mit Daimler-Chrysler-Boss Jürgen Schrempp geht einer der schillerndsten Spitzenmanager von der Bühne

Alfons Frese

Berlin - Das nennt man wohl Charisma. „Sie kommen in einen Raum mit 30 Leuten, schauen sich um und merken sofort, wer hier der Boss ist.“ So beschreibt ein Automanager die Ausstrahlung von Jürgen Schrempp. Raumfüllend, selbstbewusst und sich der eigenen historischen Dimension bewusst. Schrempp war der Helmut Kohl der deutschen Industrie. Am Ende abgehoben. Ist Schrempp grandios gescheitert, wie nun manche meinen, oder ein Visionär mit Umsetzungskraft, der mit Daimler-Chrysler eines der bedeutendsten Autounternehmen der Welt geschaffen hat? Nach vier Jahrzehnten bei Mercedes, Daimler-Benz und schließlich Daimler-Chrysler geht Schrempp am 31. Dezember. Die neben Porsche-Chef Wendelin Wiedeking schillerndste Figur der deutschen Wirtschaft kümmert sich künftig um die Familie und um Südafrika. Dort begann vor gut 25 Jahren die Managerkarriere, dort engagiert er sich seit Jahrzehnten.

Schrempp wurde 1998 zum Superstar, als er sich mit Chrysler-Chef Bob Eaton auf eine Fusion verständigte. Schrempp war begeistert über die „Hochzeit im Himmel“, versprach den Aktionären das weltweit profitabelste Autounternehmen und erfand den Begriff der „Welt AG“. Ein Unternehmen, das rund um den Globus mit der kompletten Produktpalette aus dem Fahrzeugbau vertreten ist. Vom Smart bis zum Maybach, vom Sprinter bis zum Freightliner-Truck. Schrempp zerschlug den „integrierten Technologiekonzern“ seines Vorgängers Edzard Reuter und reduzierte es auf den automobilen Kern.

„Sein Enthusiasmus und sein Kampfgeist haben ihn ausgezeichnet“, sagt ein Weggefährte über den „Leader“, der so hervorragend die eigenen Leute mitreißen und motivieren konnte. Die Strategie, sich auf das Thema Mobilität zu konzentrieren, stellt niemand in Frage. Auch nicht das Ziel, das Unternehmen „breitbeiniger“ aufzustellen und gegen eine Übernahme zu wappnen. „Ich vermute, dass Mercedes ohne die Fusion nicht mehr eigenständig wäre“, hat Schrempp kürzlich gesagt. Durch die Fusion mit Chrysler sei der Brocken also zu groß geworden, um von einem anderen Autokonzern oder einem Finanzinvestor geschluckt zu werden.

Vom „Kraftpaket“ Schrempp war bisweilen die Rede. Mit Schwung war der neue Vorstandsvorsitzende 1995 an den Start gegangen. Alle möglichen Risiken wurden in die erste Bilanz gepackt, so dass 1995 ein Verlust von mehr als fünf Milliarden Euro anfiel. Das erleichterte Schrempp die Zertrümmerung des Technologiekonzerns. Unter anderem wurde die AEG aufgelöst und der niederländische Flugzeughersteller Fokker, den er selbst gekauft hatte, fallen gelassen. In knapp zwei Jahren sank die Zahl der Geschäftsbereiche von 35 auf 23. Später kaufte Schrempp wieder dazu – nicht immer mit glücklicher Hand.

Schrempp war schnell und entscheidungsfreudig. „Beim Abschluss diverser Deals hat er in der Euphorie nicht genau genug hingeschaut“, sagt ein Daimler-Manager. Lieber zocken als zaudern. Zum Beispiel bei Chrysler. Die Amerikaner hatten die Entwicklung zeitgemäßer Autos vernachlässigt, keine neuen Modelle in der Pipeline, als Schrempp fusionierte. Zwei Jahre später stand Chrysler am Abgrund und wäre ohne die Hilfe von Mercedes sowie der Mercedes-Manager Dieter Zetsche und Wolfgang Bernhard, wohl Pleite gegangen. Noch bitterer war der Fehlgriff in Japan. Die Beteiligung an der Mitsubishi Motors Corporation hat viel Geld gekostet. Inzwischen ist Daimler wieder draußen. „Schnell zuschlagen, ohne genau zu prüfen, das kann tödlich sein“, heißt es in Konzern-Kreisen über den riskanten Kurs Schrempps.

So weit ist es nicht gekommen. Doch von der Niederlage bei Mitsubishi – im Frühjahr 2004 stellte sich die Mehrheit des Vorstands gegen Schrempp, als der den Japanern mit frischem Geld aus der Patsche helfen wollte – hat sich der Chef nie wieder richtig erholt. Die immer gehässigere Kritik von Aktionärsvertretern schmerzte den Anhänger des Shareholder-Value-Denkens („Profit, Profit, Profit“), obwohl er doch längst über den Dingen schwebte. Und deshalb auch nicht mitbekam, in welche schwierige Lage Mercedes fuhr. Im Nachhinein sieht es so aus, als hätten die Ausflüge in die Welt zu Missständen zu Hause geführt. Mercedes leidet schwer unter Qualitätsmängeln und ist inzwischen von BMW abgehängt worden. Schließlich hat die Mercedes-Tochter Smart, die Schrempp hartnäckig verteidigt hat, Milliarden verschlungen. Schrempp-Nachfolger Zetsche geht nun rigoros vor: Bei Mercedes will er 14 000 Stellen streichen und Smart am liebsten verkaufen. Es wird aufgeräumt. Genauso wie vor zehn Jahren, als Schrempp auf Reuter folgte.

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