Wirtschaft : Lion Bioscience: In Zukunft bestimmt der Computer die Behandlung

Finn Mayer-Kuckuk

Nach den Vorstellungen des Heidelberger Bioinformatik-Unternehmens Lion Bioscience sieht es im Krankenhaus der Zukunft so aus: Ein Computersystem kennt die Gene des Patienten, seine und seiner Familie Krankengeschichte und die aktuellen Laborwerte. Damit bestimmt es maßgeschneidert die Vorsorge oder Therapie.

Das ist noch Zukunftsmusik. Doch schon heute ist die Verarbeitung von biologischen Daten ein Geschäft. Die DG Bank schätzt, dass der Markt dafür von knapp einer Milliarde Dollar im vergangenen Jahr auf 3,2 Milliarden im Jahr 2005 wächst. In ganz verschiedenen Bereichen lässt sich damit Geld verdienen. Die Pharmakonzerne brauchen Computersysteme, um neue Wirkstoffe zu entwickeln. Auch die Nutzung des menschlichen Erbguts klappt nur, wenn die Forscher den Sinn der Codes entschlüsseln können - mit dem Computer. Ein weiteres Feld ist die Betreuung von Patienten. Ziel dabei: das Rundum-System, das ortsunabhängig Gesundheitsdaten verknüpft.

Lion Bioscience übernimmt jetzt 16 Prozent der Gesellschaft für Medizinische Datenverarbeitung (GMD) in München, um diesem Ziel näher zu kommen. GMD wurde 1994 gegründet und ist 1999 mit einer elektronischen Patientenakte neu gestartet. Diese Patientenakte basiert auf dem Internet, Krankenhaus und Hausarzt könnten gemeinsam darauf zugreifen. Möglicher Inhalt in Zukunft: Gendaten. "Wir wollen letzlich Genotyp und Phänotyp, individuelle und allgemeine Informationen verlinken", sagt Friedrich von Bohlen, der Vorstandsvorsitzende von Lion. In zehn Jahre könne das Patientensystem so weit sein. "Fragen Sie aber einen Deutschen, wird er Ihnen sagen, so etwas gibt es besser nie. Amerika steht solchen Neuerungen offener gegenüber."

Dementsprechend sitzen die Hauptakteure der Bioinformatik mit Firmen wie Celera oder Incyte Genomics in den USA. Doch Lions Anspruch ist, die SAP der Biotechnologie zu werden: das erfolgreiche deutsche Unternehmen am Weltmarkt. Lion will einmal global unentbehrlich sein, wenn es darum geht, "aus Daten Informationen zu gewinnen und aus Informationen Wissen".

Viel zu tun - denn allein das menschliche Erbgut besteht aus knapp drei Milliarden Buchstaben. Diese Daten lagern roh und unverstanden auf Festplatten. Eine nützliche Information - das wäre beispielsweise zu wissen, was die Gene nun bewirken.

"Wir kennen die Fragen noch gar nicht, die wir an diese Daten stellen können", sagt Christof Schütte, Professor für Bio-Computing an der Freien Universität Berlin. Und die ersten Antworten werden immer weitere Fragen aufwerfen. Das sei viel komplexer, als einen militärischen Kode zu knacken. Da ist immerhin bekannt, in welchen Zusammenhang die Botschaft passt. Doch die Zusammenhänge im Organismus sind bisher kaum aufgedeckt.

"Bis wir auch nur von fünf Prozent der Gene wissen, worauf sie Einfluss haben, vergehen wohl noch zehn Jahre", sagt Schütte. Für die Großen der Pharmasparte ist hier jeder Fortschritt wertvoll. Deshalb nimmt beispielsweise Bayer die Dienste von Lion in Anspruch. Seit Oktober baut Lion bei Bayer eine Plattform für Bioinformatik auf. Unter den Kandidaten für Wirkstoffe soll der Computer schon vor dem ersten Test diejenigen aussieben, die Chancen haben. Nach Firmenangaben wird Bayer bis 2003 mehr als 50 Millionen Mark für Lions Dienste zahlen. Dies zusätzlich zu einem bestehenden Vertrag über 100 Millionen Dollar dafür, unter den Eiweißen in menschlichen Zellen Ziele für Wirkstoffe zu identifizieren.

Im November kam mit Nestlé eine Kooperation zustande. Der Nahrungsmittelkonzern will Informatik zur Entwicklung neuer Produkte einsetzen. "Für dieses Jahr erwarten wir weitere Deals ähnlich Bayer", sagt von Bohlen. Auch mit Celera Genomics, bekannt seit der Entzifferung des Genoms, kooperiert Lion. Ende Dezember übernahmen die Heidelberger die US-Firma Trega Bioscience über einen Aktientausch.

Damals waren Lions Aktien rund viermal mehr wert als heute. Seit Anfang Februar rutschte die Aktie noch einmal dreißig Prozet ab und liegt jetzt bei 45,01 Euro. An der Börse ist das Unternehmen seit Sommer des vergangenen Jahres - sowohl am Neuen Markt in Frankfurt als auch an der Technik-Börse Nasdaq in New York. Der Umsatz von Mai 2000 bis Februar 2001 lag bei 15,5 Millionen Euro. In diesem Zeitraum machte Lion 13,3 Millionen Euro Verlust. Verluste sind allerdings nicht untypisch für junge Biotech-Unternehmen. "Lion erhält auch zusätzlichen Wert dadurch, dass wir per Royalties an den Erfolgen unserer Partner beteiligt sind", sagt von Bohlen. Wenn Bayer mit der Chemoinformatik Geld macht, bekommen auch die Heidelberger etwas davon ab.

Lion wendet die eigene Software auch selbst an - und sucht nach Wirkstoffen. "So haben wir Leute im Haus, die praktisch damit arbeiten. Die können den Informatikern klar machen, was sie wirklich brauchen", sagt von Bohlen.

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