Wirtschaft : Löscher will kein Revolutionär sein

Neuer Siemens-Chef setzt auf die gewohnte Konzernstrategie / Oberste Priorität hat die Aufklärung der Korruptionsaffäre

Nicole Huss

Nürnberg - Der neue Siemens-Chef Peter Löscher will den Technologiekonzern behutsam umbauen. „Wer nach meinem Amtsantritt eine Revolution erwartet, den muss ich leider enttäuschen“, sagte der 49-jährige Österreicher am Dienstagabend bei seinem ersten öffentlichen Auftritt vor Journalisten in Nürnberg. Er wolle vielmehr auf eine Evolution setzen, bei der das Team der rund 475 000 Siemens-Mitarbeiter weltweit im Vordergrund stehe. „Ich werde den notwendigen Wandel vorantreiben, wie Siemens es in seiner Geschichte immer getan hat“, versicherte er. Löscher übernimmt den Siemens-Vorstandsvorsitz am kommenden Montag von Klaus Kleinfeld, der den Job hingeworfen hatte, weil ihm wegen der Schmiergeldaffäre zuletzt der Rückhalt im Aufsichtsrat fehlte. Löscher war zuvor im Vorstand des US-Pharmakonzerns Merck tätig. Davor hatte er bei Hoechst, Amersham und beim Siemens-Konkurrenten General Electric in verschiedenen Funktionen in Deutschland, Japan, Großbritannien und Spanien gearbeitet.

Bei Merck hat Löscher bisher 40 000 Mitarbeiter geführt – bei Siemens sind es mehr als zehnmal so viele. „Ich freue mich sehr darauf, die Verantwortung in diesem großartigen Unternehmen zu übernehmen“, sagte Löscher. Bereits am Montag habe er an einer Vorstandssitzung teilgenommen und begonnen, sich in der Siemens-Zentrale in München einzuarbeiten. Die ersten drei Monate will Löscher dazu nutzen, die Organisation, die Mitarbeiter und die Führungsstrukturen von Siemens kennenzulernen. Er wolle viel reisen und zahlreiche Landesgesellschaften besuchen, sagte er. Seine ersten Reisen werde er nach Indien, China und Japan unternehmen. Siemens ist weltweit in 190 Ländern vertreten.

In Deutschland will sich Löscher erstmals am 5. Juli in Berlin, dem mit rund 14 000 Mitarbeitern größten deutschen Standort des Konzerns, vorstellen. An diesem Tag soll er auch mit Bundeskanzlerin Angela Merkel zusammentreffen. Der Siemens-Chef hat traditionell enge Beziehungen zur Bundesregierung. Löschers Vorvorgänger Heinrich von Pierer gehört zu den Beratern Merkels.

An der Strategie von Siemens will Löscher zunächst wenig ändern. Er wird das neue Unternehmensprogramm „Fit for 2010“ mit ambitionierten Zielvorgaben für die zehn Siemens-Sparten umsetzen, das sein Vorgänger Kleinfeld erst vor wenigen Wochen bei der Vorlage der Halbjahresbilanz präsentiert hatte. Als wichtige Zukunftsthemen nannte Löscher am Dienstag den Klimawandel und den Bereich Gesundheit. „Wir sind sehr froh, dass Peter Löscher sich so gut in der Medizintechnik, einem unserer größten Wachstumsfelder, auskennt“, sagte Siemens-Finanzchef Joe Kaeser.

Sein Hauptaugenmerk wird Löscher zu Beginn jedoch auf ein viel brisanteres Thema richten: die Aufklärung des Schmiergeldskandals und den Aufbau eines funktionierenden internen Systems zur Korruptionsbekämpfung. „Das Thema Compliance hat für mich oberste Priorität“, betonte Löscher. Derzeit ermitteln die Münchner und die Nürnberger Staatsanwaltschaft, europäische Strafverfolgungsbehörden, das US-Justizministerium und die US-Börsenaufsicht SEC wegen mehrerer mutmaßlicher Korruptionsfälle bei Siemens. Siemens selbst räumt unklare Zahlungen von Mitarbeitern der Kommunikationssparte über mindestens 420 Millionen Euro ein. Inzwischen durchleuchten interne Ermittler auch alle übrigen Siemens-Geschäftssparten auf verdächtige Geldströme. Dem Konzern drohen neben dem Imageschaden auch strafrechtliche Konsequenzen und hohe Geldbußen.

Seine erste wichtige Entscheidung im operativen Geschäft wird Löscher schon kurz nach seinem Amtsantritt treffen müssen. Er muss darüber befinden, ob der Autozulieferer VDO wie geplant an die Börse gebracht oder doch komplett an einen Investor verkauft wird. Als Hauptinteressent gilt der Autozulieferer Continental, der gut zehn Milliarden Euro für VDO geboten haben soll.

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