Wirtschaft : Lufthansa: Selbstbewusst im Cockpit: Wenn die Piloten pokern

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Piloten sind selbstbewusst. Das hat wohl damit zu tun, dass sie von Berufs wegen ständig abheben. Und dass ihnen dabei jedes Mal viele Menschen ihr Leben anvertrauen. So etwas schafft eine Aura natürlicher Autorität - selbst wenn sie nicht auf dem Weg nach New York oder Washington sind, sondern in einen Streik.

Es ist das erste Mal, dass die Flugzeugführer der Lufthansa ihren Tarifabschluss in Eigenregie verhandeln. Früher hatten sie damit die Gewerkschaften DAG und ÖTV beauftragt. Jetzt sitzen die Herren in den dunkelblauen Uniformen mit den goldgewirkten Schulterstreifen selbst am Verhandlungstisch. Und anders als die Arbeiterfunktionäre in den karierten Sakkos tragen sie ihre Forderungen mit einer Bestimmtheit vor, dass es dem Lufthansa-Vorstand Angst und Bange wird. Kaum habe man Anfang April ein erstes Angebot gemacht, hätten die Standesvertreter von der Vereinigung Cockpit (VC) schon zur Urabstimmung über einen Arbeitskampf aufgerufen, heißt es bei der verärgerten Fluggesellschaft. Der Konzern wirft den Piloten fehlende Verhandlungsbereitschaft vor.

Piloten-Sprecher Georg Fongern wiederum nennt die Lufthansa-Offerte eine "Ohrfeige". Das Angebot sieht die durchschnittliche Verbesserung der Tarifgehälter um 3,6 Prozent und eine variable Zusatzvergütung vor, abhängig vom Unternehmenserfolg. Beides zusammen würde die Einkommen der 4200 Flugzeugführer bei der Lufthansa, der Condor und der Lufthansa Cargo in diesem Jahr zwischen zehn und 16,7 Prozent steigern. Doch Cockpit fordert 35 Prozent.

In der Öffentlichkeit hat es erhebliche Kritik an dieser hohen Zahl gegeben. Und auch innerhalb des Lufthansa-Konzerns rumort es. Denn erst im März hatte die Gewerkschaft Verdi als Nachfolgerin von DAG und ÖTV für die Stewardessen und das Bodenpersonal einen Tarifvertrag ausgehandelt, der einschließlich Ergebnisbeteiligung die Löhne um rund fünf Prozent erhöht. "Wahnsinn", empörte sich auch die "Bild" über die siebenmal höhere Forderung der Piloten. "Warum müssen die so viel verdienen?"

VC-Sprecher und Airbuskapitän Fongern pariert den Sturm der Entrüstung so gelassen wie eine Turbulenz über dem Atlantik. Aus seiner Sicht ist das Cockpitpersonal der Lufthansa unterbezahlt. Dass Piloten anderer internationaler Fluggesellschaften deutlich mehr verdienen, bestreitet auch die Lufthansa nicht. Mit der Vereinigung Cockpit hatte sie im vergangenen Jahr einen Gehaltsvergleich in Auftrag gegeben. Ergebnis laut Cockpit: Die deutschen Piloten liegen auf dem vorletzten Platz, nur ihre Kollegen von der skandinavischen SAS werden schlechter bezahlt. Dies gilt für alle Gehaltsstufen. Das Grundgehalt eines Lufthansa-Copiloten im ersten Berufsjahr beträgt 100 000 Mark, ein altgedienter Transatlantikkapitän erreicht als Spitzenverdiener 312 000 Mark. Zum Vergleich: Die Kapitäne bei British Airways verdienen bis zu knapp 400 000 Mark, US-Airlines zahlen noch mehr. Die Lufthansa hat allerdings noch mal nachgerechnet und kommt inzwischen zu anderen Zahlen. Der Konzern verweist im Übrigen auf unterschiedliche Lohnstrukturen und Karriereverläufe in den Ländern.

Ein Ziel jedoch möchte Lufthansa auf jeden Fall erreichen. Die Pilotengehälter sollen an das Konzernergebnis gekoppelt werden, nach der Formel: In guten Jahren gibt es mehr, in schlechten weniger. Lufthansa hat damit gute Erfahrungen gemacht. Anfang der 90er Jahre, als sich der Konzern in der tiefsten Krise seiner Geschichte befand, verzichteten die Piloten auf Lohnzuwächse bei zugleich längeren Arbeitszeiten. Heute geht es Lufthansa blendend. Aber das führt wieder zu einem Argument der Piloten: Der Lohnverzicht müsse endlich ausgeglichen werden, fordern sie. Und noch einen Trumpf hält VC in der Hand. Der Lufthansa fehlen 120 Piloten.

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