Wirtschaft : Luftverkehr: Versicherungswirtschaft scheut das Risiko

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Das Tauziehen um einen ausreichenden Versicherungsschutz von Flugzeugen bei Flugzeugabstürzen in Folge von Terrorangriffen geht weiter. Am Dienstag bot der deutsche Luftpool, in dem die für die Luftfahrt tätigen Versicherungsgesellschaften zusammengeschlossen sind, den Luftfahrtgesellschaften für solche Fälle eine so genannte Deckungssumme für Schäden an Dritten von 150 Millionen Dollar je Passagierjet an. Damit sei ein Flugbetrieb ohne weiteres möglich, sagte eine Sprecherin von Luftpool in München auf Anfrage. Die Arbeitsgemeinschaft deutscher Luftfahrtunternehmen (ADL) hingegen hat das Angebot als völlig unzureichend abgelehnt. "Mit 150 Millionen Dollar Deckungssumme könne wir ebenso wenig fliegen wie mit 50 Millionen Dollar," erklärte ADL-Geschäftsführer Detlef Winter gegenüber dem Tagesspiegel. Ein Lufthansa-Sprecher sagte: "Die Bemühungen gehen weiter dahin, noch höhere Deckung zu erhalten. Bis Freitag, 00:00 Uhr, gilt noch der alte Schutz."

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Fotos: Die Ereignisse seit dem 11. September in Bildern Zunächst wollten die Luftfahrtversicherer unter dem Eindruck der Anschläge in den USA ihr Deckungsvolumen sogar auf 50 Millionen Dollar beschränken. Frühere Verträge, die auf eine Milliarde Dollar Deckung laufen, wurden binnen Wochenfrist gekündigt. Sie werden damit kommenden Donnerstag unwirksam. Deshalb waren vorerst weltweit Staaten als Risikoträger in die Bresche gesprungen. Während Bundesfinanzminister Hans Eichel diese staatliche Hilfestellung allerdings auf einen Monat begrenzen möchte, gehen Fachleute davon aus, dass der Staat wohl auf Dauer als Risikoträger mit im Boot bleiben muss. Denn für die Versicherer ist die alleinige Übernahme des Risikos mit den Terrorangriffen in den USA nicht mehr kalkulierbar geworden.

Niemand wisse, wie oft künftig Flugzeuge entführt und zum Absturz gebracht würden. Ohne Begrenzung der eigenen Zahlungsverpflichtungen würden Luftfahrtversicherer angesichts des immensen Schadenspotenzials damit ein nicht mehr abschätzbares Risiko eingehen und ihre eigene Zahlungsfähigkeit sehenden Auges gefährden. Immerhin seien in den USA Flugzeuge als Waffen eingesetzt worden, begründet der Präsident des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV), Bernd Michaels, die Reaktion der Assekuranz. "Wenn das weiter ginge, dann könnte keine Versicherungswelt derartige Risiken decken," warnte er. Schon den jüngsten Terroranschlag in den USA würden womöglich nicht alle dort betroffenen Versicherer überleben. Der Anschlag koste die Luftfahrtversicherer rund sechs Milliarden Dollar.

Die jetzt angebotenen 150 Millionen Dollar für Schäden, die ein von Terroristen erzwungener Flugzeugabsturz verursache, seien das Maximum des in der Branche aufzubringenden Volumens, sagte die Luftpool-Sprecherin. Leasing-Gesellschaften verlangen aber für ihre bei diversen Airlines eingesetzten Flugzeuge oft 750 Millionen Dollar Haftpflicht-Deckung für Drittschäden. Unterversicherte Flugzeuge müssen am Boden bleiben. Zudem verlangen die Luftfahrtaufsichtsbehörden einzelner Länder je Flugzeug bis zu einer Milliarde Dollar Deckungssumme. Unterversicherte Flugzeuge dürfen dort nicht landen.

Bundesverkehrsminister Kurt Bodewig erklärte am Dienstag in Frankfurt, auch die deutschen Flughäfen erhielten staatliche Hilfen für den Versicherungsausfall bei Drittschäden in Terrorfällen. Der Bund übernehme für vier Wochen die Haftungsgarantie in Höhe von 20 Milliarden Dollar (42 Milliarden Mark) für Fluglinien und Flughäfen. Er stellte zudem ein Paket verstärkter Sicherheitsmaßnahmen vor. Bodewig erklärte, innerhalb von vier Wochen sollten privatwirtschaftliche Lösungen für die zukünftige Versicherung von Fluglinien und Flughäfen gefunden werden. Bis dahin übernehme der Bund die Haftung. "Wir werden nicht nur den Flugverkehr, der aus Deutschland raus geht, sicher machen, sondern auch den hereinkommenden." Dies könne bis zu Einflugverboten gehen, sagte Bodewig.

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