Wirtschaft : Manfred Dobbert

Geb. 1941

Gregor Eisenhauer

Nach unten trat er nie. Immer nur nach oben. Melancholie ist eine seltsame Krankheit. Schwer zu diagnostizieren bei anderen wie bei sich selbst. Wirksame Gegenmittel sind nicht bekannt, deswegen greifen die meisten zu Placebos: Zigaretten, Alkohol, Jetons, Karten…

Der versteht sich aufs Genießen, heißt es dann meist, und das stimmt auch, und es stimmt auch wieder nicht.

Als Manfred Dobberts Vater 1946 aus der Kriegsgefangenschaft zurückkam, erkannte ihn seine Frau nicht. Aber das war nicht sein bleibender Kummer. Wie viele Kriegsheimkehrer litt er unter dem Erlebten, und mehr noch darunter, dass er nicht darüber hinwegkam.

Das spürt ein Sohn mit fünf Jahren. Und er spürt auch die Enttäuschung der Mutter, und die Erwartungen, die daraus an ihn erwachsen. Manfred Dobbert hat sie erfüllt. Wohl kein Schulleiter in Berlin war beliebter als er. Nicht unbedingt bei den Vorgesetzten, denn er trat nie nach unten, immer nur nach oben.

„Wie war die Konferenz?“ – „Über die Konferenz sach ick mal jar nüscht, aber beim Herrn Schulsenator Rasch sitzt das R an der falschen Stelle!“

So was macht die Runde und sichert Respekt. Da ist einer, der lässt sich nichts vormachen, von niemandem.

„Ich muss mich leider krank melden, komme aber in drei Tagen wieder!“ – „Schön Fräulein Doktor!“ – „Wie… ich hab doch gar keinen Doktor?“ – „Na, wenn sie so gut Bescheid wissen, wann sie wiederkommen, müssen sie doch Medizin studiert haben…“

Märchen konnte man ihm nicht erzählen. Aber über alles andere konnte man mit ihm reden, deswegen die gute Stimmung an der Schule.

Morgens um sieben ging er an die Arbeit, nachmittags sechzehn Uhr war Schluss. Da gab es nur noch die Familie. Ferien waren hoch willkommen, nicht weil er gern faulenzte, sondern weil er gern las. Und gern mal die Kugel laufen ließ, im Casino wie auf dem Billardtisch.

Manfred Dobbert spielte Karambolage, war Mitbegründer der Billardgemeinschaft „Ovale Kugel“, eine Stoßtruppe, die mehr als zwanzig Jahre zusammenhielt, am Tisch wie am Tresen.

Karambolage ist die hohe Kunst des Billardspiels. Kein Kneipenpool, bei dem man Kugeln in Taschen versenkt. Auf dem Karambolage-Tisch gibt es keine Taschen. Es wird nur mit drei Kugeln gespielt. Der Spielball muss die beiden anderen treffen. Ganz simpel. Und große Kunst: Manchmal sind es Millimeter, manchmal läuft die Kugel zwanzig Meter über den Tisch.

Billard ist wesentlich Denksport. Und darin war er Meister. Alles, was Manfred Dobbert sich an körperlicher Bewegung zumutete, war das Annotieren der Punktezahl. Dazwischen rauchte er gern eine. Sechs Schritte hin zur Tafel, sechs Schritte zurück, summa summarum, rechnet man die Wege um den Billardtisch noch hinzu, macht das in etwa… „na ja, ’n paar Kilometer Fußweg schon“.

Und wenn es wirklich mal galt, einen Gegner so richtig auszuhebeln, dann hat er das mit einem trockenen Spruch gemacht: „Warum spielst’n du heute so schlecht? Liegt’s wieder an der Mutti? An der Muttivation, mein ich?“

Die Runde hat nie trainiert, nur gespielt, damit Geld in die Kasse kam. Dann ging es ein Mal im Jahr nach Travemünde, ins Spielcasino. Der Traum vom großen Glück: Den Zehn-Mark-Schein fallen lassen und sagen: „Du wirst dich doch wohl nicht bücken.“

Wo Manfred Dobbert war, wurde gelacht. Eine glückliche Ehe, drei Söhne, alle gelungen. Nur, die Frage bleibt, warum hat er nicht mehr auf sich Acht gegeben?

Kaum ging das Telefon, längeres Gespräch, zack, steckte die Zigarette im Mundwinkel. Mit zwölf hatte er zu rauchen angefangen, und wenn ihn einer mahnte, meinte er nur: „Darauf muss ich mir erst mal eine anstecken.“ Selbst als einer seiner Billardfreunde an der Raucherei starb, ließ er das nicht an sich ran. Es ging ja weiter mit der Runde.

Manfred Dobbert hatte übrigens nur einen einzigen rabenschwarzen Tag beim Billard. Kurz bevor bei ihm selbst Krebs diagnostiziert wurde.

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