Wirtschaft : Manuela Gebhardt

(Geb. 1967)||Sie sollte solo singen. Da sagte sie: „Mich gibt’s nur im Paket.“

Stephan Reisner

Sie sollte solo singen. Da sagte sie: „Mich gibt’s nur im Paket.“ Das sind alles meine Jungs!“, sagte Geppi zur erstaunten Krankenschwester. Sie hatte mal wieder Besuch von ihren fünf größten Verehrern.

Die Band ging ihr über alles. Wer sie als Sängerin abwerben wollte, der kam an Jörg, Bernie, Micha, Gerd und Eff nicht vorbei. Einem Produzenten, der ihr eine Solo-Karriere anbot, sagte sie: „Mich gibt’s nur im Paket!“ Erfolg fand sie okay, aber worauf es ihr viel mehr ankam: „Musik muss Spaß machen. Und mit meinen Jungs macht sie mir verdammt viel Spaß!“

Sie war immer „total authentisch“, sagen alle. „Was sie sang, das fühlte sie. Und wenn sie etwas nicht fühlte, dann sang sie auch darüber“. Lauwarmer Tag / Knips doch einer mal das Licht an / sonst kann ich diesen Tag nicht sehen, hieß es in einem ihrer letzten Songs für „Dezibel“. Sie lag im Krankenhaus und hörte sich die Muster an: „Da muss ich noch mal reinhören, da stimmt ein Ton nicht!“ Sie war sich sicher, bald wieder zurück zu sein.

18 Jahre zwischen fünf Rock ’n’ Rollern ohne Starallüren, 18 Jahre Frontfrau von fünf Individualisten mit Hang zu Gitarrenverstärker, Lederweste, Jeans und Schnauzer: „Wir haben immer gescherzt, wer von uns wohl als Erster von der Bühne kippt. An Geppi hat natürlich niemand gedacht.“

Im Mai 1988 stieß sie zur Band. Es war in einem Kreuzberger Übungskeller. Von ihren 1,52 Metern Gesangskörperhöhe aus bot sie den Musikern eine Kostprobe ihres Könnens. „Die singt ja tiefer als Jörg!“, stellte Bernie fest. Und Eff: „Außerdem kann sie tremolieren.“ Gerd wandte ein: „Wir suchen aber für länger.“

Ein halbes Jahr später tanzte die Band nach Geppis Pfeife: „Ist doch besser, wir machen neue Songs. Die kann ich viel besser bringen als eure alten.“

Geppis Bühnenshow sprang auf alle über. „Alles, was sie machte, machte sie für die da vorne!“ Fiel der Strom einmal aus, stieg sie runter ins Publikum und sang Gospels. Gern guckte sie sich jemanden aus und flirtete ihn singend an. Die Nummer zog immer. Wenn sie über die große Liebe sang und die Schmerzen, die sie bringt, ging sie bis an die eigene Schmerzgrenze. „Sie hat den Leuten nie einen vorgemacht.“ – „Sie sang ja keine Schlager.“ – „Sie glaubte an das, was sie sang.“ Set me free / when I’m not the only one.

Schon als Neunjährige konnte sie überzeugen: Vor ihren ebenso kritischen wie volksmusikfesten Eltern sang sie Heintje nach. Eine Lehrerin entdeckte ihr Stimmtalent: Schulchor, Stimmbildungslehre, Gesangswettbewerbe. Als ihr Vater ihr einen Doppel-Kassetten-Rekorder schenk- te, konnte sie ihre ersten eigenen Stücke aufnehmen – nach der PJ Harvey-Technik: per Instrument einen Song einspielen, dann zum Playback singen und beides auf der Extraspur aufnehmen.

Mit einem Lied schoss sie ein wenig übers Ziel hinaus. Auf dem Fest zum Tag der offenen Tür im Finanzministerium sang sie den „Eichel-Song“: Er hat die Taschen nicht voll Geld / und protzt nicht wie ein großer Held. Der Minister hörte es und grinste. Medienleute witterten eine PR-Kampagne, ein CSU-Abgeordneter konterte mit einem Gegensong, die PDS veranlasste eine Kleine Anfrage im Bundestag. Für einen Augenblick standen Geppi und die Band in etwas hellerem Rampenlicht. Doch Erfolg musste sich wohl anders anfühlen. Geppi betonte: „Wir sind keine politische Band!

Ende Mai wippte sie im Krankenhaus mit dem Fuß zum Rhythmus der drei letzten fertig gemixten Songs. „Habt ihr gut zur Landung gebracht.“ Pilgerströme von Fans und Freunden kamen ans Bett und wurden mit unverbrüchlichem Optimismus begrüßt. Aber der Krebs war nicht mehr aufzuhalten. „Macht auf jeden Fall weiter“, sagte sie zu ihren Jungs. Es war ihr letzter Auftritt. Zwei Tage später nahm sie ihre Stimme und ließ die Band ratlos auf der Bühne des Lebens zurück.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben