Wirtschaft : Maria, Josef und die Volkszählung 2011

Wozu der Staat Daten erhebt / Von Gert G. Wagner

Berlin - Die uns vertraute Weihnachtsgeschichte der Bibel wäre ohne die Zählung, die der römische Kaiser Augustus angeordnet hatte, nicht denkbar. In unzähligen Krippenspielen wird die Geschichte aus dem Lukas-Evangelium nachgespielt: „Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, dass alle Welt geschätzt würde. Und diese Schätzung war die allererste und geschah zu der Zeit, da Quirinius Statthalter in Syrien war. Und jedermann ging, dass er sich schätzen ließe, in seine Stadt. Da machte sich auf auch Josef aus Galiläa, aus der Stadt Nazareth, in das jüdische Land zur Stadt Davids, die da heißt Bethlehem, weil er aus dem Hause und Geschlechte Davids war, damit er sich schätzen ließe mit Maria, seinem vertrauten Weibe.“

Wir alle haben in der Schule gelernt, dass es sich bei dieser Schätzung um eine Volkszählung handelt – ein Statistikzensus, wie er auch wieder für 2011 geplant ist. In diesem Jahr hat der Bundestag ein Zensusvorbereitungsgesetz beschlossen. Und im neuen Jahr wird das Zensusanordnungsgesetz folgen.

Eine Volkszählung hat in der Bundesrepublik zuletzt 1987 stattgefunden und damals viel Ärger verursacht. Denn viele Bürger wollten sich nicht schätzen lassen, weil sie um die Sicherheit ihrer Daten fürchteten. Doch die moderne Volkszählung hat mit der biblischen Schätzung nichts zu tun. Denn die Zählung, die Augustus angeordnet hatte, war keine statistische Erhebung. Er wollte eine Adresskartei aufbauen, damit die Weltmacht Rom effektiv Steuern eintreiben konnte. Heute geht es indes um anonyme Statistiken, also um die Größe und Struktur der Bevölkerung in Deutschland und Europa.

Dass die biblische Schätzung nichts mit Statistik zu tun hatte, kann man im Grunde schon daran erkennen, dass Familien an ihrem Geburtsort gezählt wurden. Das wäre für eine rein statistische Erhebung ein völlig überflüssiger Aufwand gewesen. Die damals extrem mühseligen Reisen waren aber notwendig, weil damals nur ganze Sippen, oft also kleine Gemeinden insgesamt, besteuert wurden.

Ein moderner Zensus dagegen soll lediglich die Einwohnerzahlen in ihren Summen möglichst genau feststellen. Denn an gerichtsfesten amtlichen Einwohnerzahlen hängen rund 50 staatliche Entscheidungen. Die Besteuerung und andere Eingriffe ins Privatleben gehören allerdings nicht dazu – so gebietet es das Gesetz, und Datenschützer achten mit Erfolg darauf, dass es eingehalten wird.

Einwohnerzahlen sind die zentrale Basis für die Finanzströme im Staat. Wie viel Geld zwischen Kommunen, Ländern, dem Bund und an die Europäische Union fließt, hängt von der Bevölkerungsdichte ab . Deswegen hat auch die EU die Volkszählung 2011 angeordnet. Auch für die Stimmenzahl der Bundesländer im Bundesrat, für den Zuschnitt von Wahlkreisen und sogar für die Besoldung von Bürgermeistern sind möglichst genaue Einwohnerzahlen nötig: Trägt er Verantwortung für eine Großstadt, verdient er mehr als der erste Bürger eines Dorfes.

Allerdings wird 2011, anders als 1987, nicht mehr jeder einzelne Bundesbürger einen umfangreichen Fragebogen ausfüllen müssen. Denn bei Einwohnermeldeämtern und Sozialversicherungen sind schon die meisten der nötigen Daten vorhanden. Daraus werden anonyme Statistikdaten gemacht. Dadurch erübrigt es sich, hunderttausende Zähler durchs Land zu schicken. Um Fehler in den Statistikregistern zu korrigieren, wird es allerdings zusätzliche Stichprobenerhebungen geben. Dabei werden auch einige wichtige sozialstrukturelle Informationen, etwa der Bildungsabschluss, erhoben. In der Diskussion ist noch, ob auch das Glaubensbekenntnis erhoben wird. Der Staat könnte damit etwa erfahren, wo besonders viele Zuwanderer leben, und damit seine Integrationshilfen zielgenauer einsetzen. Und Stadt- oder Gemeinderat könnten besser beurteilen, ob der Bau einer Moschee in einem Stadtteil sinnvoll ist und wie groß diese sein muss. Gert G. Wagner, Volkswirtschaftsprofessor in Berlin, ist Vorsitzender der Sozialkammer der Evangelischen Kirche in Deutschland und Vorsitzender des erstmals für eine Volkszählung berufenen wissenschaftlichen Beirats (Zensuskommission).

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