Wirtschaft : Marianne Kindermann

Geb. 1963

Gregor Eisenhauer

Sie liebte Serien. Sie hätte gern in einer mitgespielt. Aber dafür fehlte ihr das Linkische. Irgendwann hat man dann keine Chance mehr. Sicher, die ein oder andere Rolle wird noch angeboten. Aber wenn das feste Engagement ausbleibt, wird die Ruhelosigkeit zum verzehrenden Fluch.

Und die Sehnsucht nach Kontinuität nimmt immer hilflosere Formen an. Sie liebte Serien. Sie hätte gern in einer mitgespielt. „Lindenstraße“, „Gute Zeiten, Schlechte Zeiten.“ Da sah sie viele untalentierte Kollegen. Und dann bewarb sie sich selbst mal, spaßeshalber, versteht sich. – „Aber Frau Kindermann, das haben Sie doch nicht nötig. Dafür sind sie doch viel zu talentiert! Ihnen fehlt das Linkische!“

In den Gerichtsserien am frühen Nachmittag, da war sie hin und wieder gefragt, weil sie so wahrhaftig sein konnte.

Sie hatte den Karriereauftrag ihrer Mutter angenommen, die den Kindern zuliebe auf die große Bühnenlaufbahn verzichtet hatte, und sie wollte sich den Stolz ihres Vaters erarbeiten, der die Familie im Stich gelassen hatte, als sie sechs war. Schweres Gepäck, das sich anfangs recht leicht trug. Sie konnte tanzen, singen und zotige Witze ohne Ende erzählen. Die perfekte Besetzung für die kleinen Rollen, die den Spaß auf die Bühne bringen.

Die Glanzrolle im „Faust“, der auch verfilmt wurde. Gretchen ziert sich natürlich, nicht so Marthe Schwerdtlein, die Kupplerin, die nichts sehnsüchtiger erwartet als den Totenschein ihres Mannes, und die sich Mephisto auf der Stelle hingeben würde – wenn es denn das Publikum zuließe.

Marianne Kindermann konnte ihre Sinnlichkeit in Szene setzten, auf der Bühne und auch sonst, aber sie wollte sich nicht prostituieren. Wenn sie mal wieder einen Kellnerjob antreten musste und der Chef gleich mit der Tätschelhand kam, hat sie ihm einen Putzlappen in die Finger gedrückt: „Mach du mal selber sauber, das andere ist nicht im Preis inbegriffen!“

Schlagfertigkeit ist gut, aber sie bringt im Leben nicht unbedingt weiter. Doch die Dummchenrolle war nun mal partout nicht ihre. Dafür musste sie einiges in Kauf nehmen.

Ein Künstleridyll: Moabit, Erdgeschoss, vorne Blick auf die Straße, hinten raus die Mülltonnen. Gleich daneben ein Thai-Puff, und morgens um fünf die heimwankenden Familienväter, die erst mal vor ihrem Fenster die Blase leeren müssen. Wer das Tag für Tag erlebt, den zieht es nicht in die Paris-Bar; sondern ins „Kumpelnest“. Ein plüschgefütterter Absturzraum für jene, die morgens Angst haben, in die leere Wohnung zu kommen.

Und sie war viel unterwegs, nachdem der Mann, den sie liebte, gegangen war. Im „Café am anderen Ufer“ Schwulenwitze memorieren, dann Salsa tanzen, und, unweigerlich irgendwann, die Endstation „Kumpelnest“. Ihr Kreuzweg der Einsamkeit. Da halfen auch die Engel nicht. Und sie hatte viele an ihrer Seite. Neben all den anderen Stimmen im Kopf. Die der Dichter, die sie so gern rezitierte, und die bedrohlichen, die ihr Angst machten, die nur durch Medikamente still zu stellen waren.

Mozart half und Fußball. Das letzte Buch auf ihrem Nachttisch: die Biografie von Sepp Herberger. Und die beste Medizin natürlich: Kochen. Sie war ja selbst von barocker Gestalt und hat gern gekocht, böhmisch, deftig und immer viel zu viel. Für die Familie eben.

Am liebsten hätte sie alle in den Arm genommen. Deswegen war sie auch so fasziniert von der Gebärdensprache der Gehörlosen, ins Gespräch kommen ohne das ewige Gequatsche. Denn Worte werden mehlig mit der Zeit. Machen einen trockenen Mund. Dann braucht man kräftig was zu trinken. Ihr Buch des Lebens, das Motto als Titel: „Zwei Achtel rot ein Viertel weiß“, wahlweise: „Kennt ihr den schon?“ Sie war für das schnelle Lachen zu haben wie für den schnellen Rausch. Nur mit den ständigen Ernüchterungen kam sie nicht mehr so gut zurecht.

Aber sie hatte noch jede Menge berufliche Pläne. Ab vierzig beginnen die interessanten Rollen, die Mütter, die Tanten, die einsamen Frauen. Und wenn nicht auf dem Theater, dann vielleicht doch im Film. So viele sind dort untergekommen, warum ich nicht? Oder zumindest hin und wieder eine Synchronisation. Alles, wofür sie anfangs zu stolz war, rückte in Sichtweite.

Aber sie war wohl nicht mehr wirklich überzeugt von ihrem Stehvermögen. Einfach nur müde. Und dann hört irgendwann das Herz auf zu schlagen.

Sie liebte Engel. Gern auch die pummligen. Und wenn es in Karrieredingen die geringste Gerechtigkeit gibt, wird sie selbst einer.

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