Wirtschaft : Markt straft härter als der Stabilitätspakt

JENS TARTLER (HB)

Auch mit dem Euro muß Italien höhere Zinsen zahlen / Staatliche Schuldenmanager gefordertVON JENS TARTLER (HB)Theo Waigels Schuldenmanager sehen dem Euro gelassen entgegen.Natürlich wird sich durch die gemeinsame europäische Währung einiges an den ökonomischen Grundlagen ihrer Arbeit ändern, der Bund mußte sich mit neuen Anlagemöglichkeiten auf den härteren Wettbewerb einstellen und wird möglicherweise weitere Produkte auf den Markt bringen.Insgesamt aber fühlen sich die Händler, die jährlich Kredite im Volumen von rund 250 Mrd.DM brutto aufnehmen, für die Euro-Ära gut gerüstet. Die Bonner "Debt Manager", sie dürfen nicht namentlich zitiert werden, erwarten durch die zentrale Geldpolitik im Euro-Raum ab 1999 eine Annäherung der Geldmarktzinssätze bei 4 bis 4,5 Prozent.Das bedeutet für die heutigen Hartwährungsländer eine Zinserhöhung, für die Weichwährungsländer eine Senkung.Zur Zeit liegen die für die Geldmarktzinsen richtungweisenden Wertpapierpensionssätze zwischen 3,2 Prozent in den Niederlanden und 6,5 Prozent in Italien. Für die langfristigen Zinsen am Kapitalmarkt erwarten die Experten zumindest für das kommende Jahr, wenn der Euro im bargeldlosen Zahlungsverkehr eingeführt wird, eine kaum merkliche Steigerung.Aber: "Der Anleger wird auch in Zukunft beim Zins klar differenzieren zwischen Deutschland und Italien.Der Abstand zwischen der Bundesrepublik und Frankreich wird dagegen sehr gering ausfallen." Daß die Händler im Bundesfinanzministerium (BMF) auch für die Geldwertstabilität des Euro guten Mutes sind, zeigt sich schon daran, daß sie an indexierten Anleihen, die viele Experten fordern, durchaus Gefallen finden.Bei dem Instrument zahlt der Schuldner nur einen niedrigen Basiszins, dafür aber einen Inflationszuschlag.Folge: Der Emittent der Anleihe hat Interesse an einer niedrigen Geldentwertung.Und wer sich darauf einläßt, rechnet offenbar mit einem stabilen Euro. Die neue Währung an sich stellt für die Schuldenhändler also kein Problem dar.Wohl aber fragen sie sich: "Wer bekommt die Benchmark-Funktion?" Das heißt, welches Land gibt den anderen die Konditionen vor? Der härteste Konkurrent ist zweifellos Frankreich, das sich in der jüngeren Vergangenheit mit einigen Innovationen und professionellem Marketing auf dem Kapitalmarkt profiliert hat. Mittlerweile aber haben die Deutschen mindestens gleichgezogen.Seit 1996 gibt es Papiere mit einer Laufzeit von unter einem Jahr.Die Bundesbank hat diese "BuBills" allerdings auf einen Bestand von 20 Mrd.DM beschränkt, weil sie eine zu kurzfristige Finanzierung der Staatsschuld ablehnt.Den Bonner Händlern ist diese Grenze zu eng, doch müssen sie auch noch ab 1999, wenn die Europäische Zentralbank die Geldpolitik steuert, mit der Bundesbank "das Benehmen herstellen", wenn sie Wertpapiere herausgeben wollen. Da der Bund mittlerweile auch Zinsswaps einsetzen darf, das "Stripping" erlaubt (separate Handelbarkeit von Wertpapiermantel und Zinsschein), das Laufzeitenspektrum bis hin zu den 30jährigen Anleihen abdeckt, große Anleihen begibt und davon stets rund 20 Mrd.DM zur Marktpflege zurückbehält, sieht er sich auch in Zukunft als "gute Adresse" für Anleger.Um das Programm nach unten abzurunden, wollen die Schuldenhändler sogenannte Commercial Papers auf den Markt bringen - Wertpapiere mit einer Laufzeit von sieben Tagen bis drei Monaten, die telefonisch mit den Banken gehandelt werden. Ab 1999 begibt der Bund zwar seine neuen Anleihen, Obligationen und Schatzanweisungen in Euro, dagegen werden Bundesschatzbriefe und Finanzierungsschätze bis Ende 2001 auf D-Mark lauten.Die schon umlaufende Bundesschuld (mit Sondervermögen über 1 Bill.DM) wird zu Beginn 1999 auf Euro umgestellt.Die Bundesschuldenverwaltung wird also in zwei Währungen arbeiten. Für einen Trumpf im Spiel gegen Paris halten die Bonner Schuldenmanager die Entscheidung, schon umlaufende D-Mark-Anleihen auf den Cent genau in Euro umzurechnen, während die Franzosen und die Niederländer als einzige einen Mindestnennbetrag von 1 Euro vorsehen.Dadurch ergeben sich in beiden Ländern krumme Nennwerte bei der Umstellung, die Beträge hinter dem Komma müssen an die Anleger zurückgezahlt werden.Das ist bei der deutschen Methode nicht nötig, doch muß der Anleger nach der Umstellung Anleihen beispielsweise mit einem Nennwert von insgesamt 3763 Cent kaufen, um wieder einen glatten Euro-Betrag im Depot zu haben.Nach der 1-Cent-Methode liegen die Kosten für die Umstellung der Depots deutlich niedriger als nach dem französischen System.Das BMF hat 6 DM je Depot veranschlagt, was insgesamt rund 2,5 Mill.DM ausmacht, die der Bund tragen muß.So fühlen sich Theo Waigels Debt Manager im Vergleich zur internationalen Konkurrenz für den Euro-Markt gut vorbereitet.Eins verstehen sie aber bis heute nicht: Als sie den Bundesländern das Angebot machten, das Kreditgeschäft künftig gemeinsam zu steuern, "winkten die nur desinteressiert ab".

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