Wirtschaft : Maßarbeit statt Markensoße

Maurice Shahd

Wer beim exklusiven Herrenausstatter Brummer einkaufen will, muss zunächst an der Ladentür klingeln, bevor er eingelassen wird. Nicht, dass sich Inhaber Gerd Seehafer die Kunden vom Hals halten will. „Wir wollen in unserem Laden eine Art Clubcharakter schaffen“, sagt Seehafer. „Die Kunden sollen sich in einer intimen Atmosphäre wohl und unbeobachtet fühlen.“ Um dieses Konzept umzusetzen, ist Seehafer vor fünf Jahren mit seinem Geschäft in den zweiten Stock des Gebäudes Tauentzienstraße 17 gezogen. Vorher betrieb er einen weitaus größeren Laden einige Hausnummern weiter. Doch die erhofften Umsätze nach dem Fall der Mauer blieben aus.

„Wir mussten damals reagieren, sonst wären wir heute weg vom Fenster“, erinnert sich Seehafer. Seitdem geht es bergauf. Die Umsätze steigen von Jahr zu Jahr und auch der Gewinn sei „erfreulich“, ohne dass der Kleinunternehmer Zahlen preisgeben will. Das Konzept: Brummer verkauft sehr hochwertige Herrenmode vor allem aus England, die er direkt von den Herstellern bezieht und nach eigenen Schnitten anfertigen lässt. „Die Manufakturen produzieren sonst für bekannte Modehersteller. Ohne ein Label sind wir bei gleicher Qualität aber deutlich billiger“, sagt Seehafer.

Mit seiner Kollektion setzt der Einzelhändler vor allem auf Individualität. Von der an jeder Ecke erhältlichen „Markensoße“ setze er sich bewusst ab. Ihm komme es vor allem auf eine intensive Beratung an. Zu den betuchten Kunden von Seehafer gehören Anwälte, Manager und Politiker, die ohne Probleme mit ihren Leibwächtern anrücken können.

Mögen es die Herren noch einen Tick einzigartiger, oder passender, als im Grundsortiment vorhanden, fertigt Brummer auch Anzüge und Hemden nach Maß. Diesen exquisiten Service können übrigens nicht nur Männer in Anspruch nehmen. In der hauseigenen Schneiderei können sich auch Frauen Kostüme, Hosen und Blusen nähen lassen.

Inhaber Seehafer betreibt das Textilhaus Brummer bereits in der dritten Generation. Das erste Geschäft eröffnete schon 1920 an der Leipziger Ecke Pariser Straße. Seitdem hat das Traditionshaus alle Höhen und Tiefen der Berliner Geschichte mitgemacht. Die goldenen Zwanzigerjahre, den Krieg, die fetten Wirtschaftswunderjahre, den Abschwung nach dem Mauerbau und die trügerischen Hoffnungen nach der Wende. Heute beschäftigt der 44-jährige Einzelhändler fünf Mitarbeiter, die wieder einen sicheren Arbeitsplatz haben. Und da es in den letzten Jahren sehr gut lief, könnten es demnächst wieder mehr werden. Maurice Shahd

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