Wirtschaft : Medienhauptstadt Berlin: US-Unternehmen zieht es an die Spree

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Die Wirtschaftsförderung Berlin hat einen dicken Fisch an der Angel. Ein US-Unternehmen erwägt den Aufbau eines Service-Centers, in dem binnen drei Jahren rund 1000 Arbeitsplätze entstehen könnten. Die Entscheidung sollte bereits im Dezember fallen, doch auf Grund der Konjunkturschwäche wurde die Investition zurückgestellt. "Im Moment expandiert kein US-Unternehmen", sagt Hans Estermann, Chef der Wirtschaftsförderung Berlin.

Insbesondere börsennotierte US-Unternehmen seien gegenwärtig mehr mit Kurspflege beschäftigt, sagte Estermann am Freitag gegenüber dem Tagesspiegel. Doch abgesehen von der aktuell schwierigen wirtschaftlichen Situation sei die Grundstimmung der Amerikaner gegenüber Deutschland und Berlin besser geworden. "Deutschland ist im internationalen Ranking deutlich nach oben geklettert", hat WFB-Chef beobachtet. Dazu habe insbesondere die Steuerreform beigetragen. Auch die Regulierungsdichte in Deutschland ist nach Estermanns Einschätzung kein großes Investitionshemmnis. "Es ist ein Vorurteil, dass es in den USA besser ist." Insbesondere die Märkte für Strom und Telekommunikation seien in Deutschland weniger reguliert als in den USA. Alles in allem hätten sich "Deutschland und Berlin in der Weltpresse verbessert".

Neben der US-Firma mit den rund 1000 Jobs ist gegenwärtig als weiterer dicker Brocken ein Medienunternehmen an Berlin interessiert, mit einer Entscheidung rechnet Estermann im Februar. Für dieses Unternehmen sucht die Wirtschaftsförderung rund 18 000 Quadratmeter Bürofläche. "Kein Problem", sagte der WFB-Geschäftsführer. Das hervorragende Angebot an Büroflächen - zurzeit sind 1,5 Millionen Quadratmeter zu vermieten - gehöre vielmehr zu den Vorteilen Berlins. "Bei Büroraum sind wir in Europa unschlagbar." Am wichtigsten allerdings sei für die meisten Investoren die Personalfrage: Gibt es in Berlin genug qualifizierte Arbeitskräfte? Im Vergleich zu anderen deutschen aber auch europäischen Standorten sei Berlin hinsichtlich des Personals "sehr stark", sagt Estermann. Das hängt zum einen mit den natürlichen Vorteilen eines Ballungsgebietes mit rund fünf Millionen Einwohnern zusammen. Ferner seien die arbeitslosen Berliner und Brandenburger "im internationalen Vergleich gut qualifiziert". Und schließlich hebt Estermann die 12 500 Berliner Studenten hervor, die derzeit in Informations- und Telekommunikations-Disziplinen ausgebildet werden. Im Vergleich etwa zu München und Stuttgart stehe Berlin bei der Verfügbarkeit von IT-Spezialisten "besser da". Der IT-Bereich zählt zu den Akquisitionsschwerpunkten der Wirtschaftsförderung. "Wir konzentrieren uns auf Branchen, die großstadt- oder hauptstadtorientiert sind", sagt Estermann. Dazu gehören Biotechnologie, Medien und Werbeagenturen. Um gezielt US-Investoren ansprechen zu können, lässt sich die WFB entsprechende Kandidaten, die in Europa oder Deutschland einen Standort suchen, von der Wirtschaftsprüfung KPMG ermitteln. Ferner kooperiert man mit dem Energiekonzern und Bewag-Eigner Southern, der Estermann zufolge in den USA so manche Tür für die Berliner öffnen konnte.

Im vergangenen Jahr hat die WFB gut 50 Ansiedlungen betreut, die insgesamt 5500 Arbeitsplätze bringen. Darunter waren zwölf Call Center mit gut 2300 Jobs. Der Trend zu Call Centern hält im Übrigen an, wenngleich Estermann lieber von Service-Centern spricht, weil sie neben Beratung, Marketing und Vertrieb den gesamten After-Sales-Service abwickeln. Für Call Center sei Berlin auch deshalb attraktiv, weil hier ohne viel bürokratischen Aufwand rund um die Uhr gearbeitet werden kann.

Die weiteren Ansiedlungserfolge der Wirtschaftsförderung im vergangenen Jahr: acht Unternehmen aus dem Informations-Bereich mit 800 Arbeitsplätzen, 13 Medienfirmen mit 830 Arbeitsplätzen, neun Multimedia-Dienstleister wie beispielsweise Web-Designer mit 540 Jobs, vier Werbeagenturen (190 Mitarbeiter), vier Dienstleister aus dem Bereich Verkehr (390 Arbeitsplätze) sowei zwei Biotechnologiefirmen (220 Stellen). Im Bereich Biotech erwartet Estermann in diesem Jahr - nach der Medienbranche - die meisten Ansiedlungen. Alles in allem sieht der Wirtschaftsförderer den Standort Berlin recht gut positioniert. Mit einer kleinen Einschränkung: "Etwas mehr und bessere Flugverbindungen würden uns schon nutzen."

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