Wirtschaft : Mehr als purer Egoismus - Ökonomen hinterfragen die Rationalität

Jobst-Hinrich Wiskow

"Auge um Auge, Zahn um Zahn": Das Bibelwort steht hinter der Analyse von Sachverhalten, die es Ernst Fehr, Professor an der Universität Zürich, angetan haben. Fehr stand am Mittwochabend in Mainz im Mittelpunkt der Jahrestagung des Vereins für Socialpolitik, der Gesellschaft von rund 2500 Volkswirten aus dem deutschsprachigen Raum. Fehr erhielt den Gossen-Preis, den der Verein für Socialpolitik jährlich an einen international anerkannten Wissenschaftler unter 45 Jahren verleiht. Fehr habe sich, so der Vorsitzende des Vereins für Socialpolitik, der Münchener Volkswirt Hans-Werner Sinn, vor allem um die so genannte experimentelle Ökonomie verdient gemacht.

Wie beispielsweise kann ein Wirtschaftswissenschaftler ein gegenseitiges Geben und Nehmen zweier Personen erklären? Zwar würde man durchaus annehmen, dass die beiden nicht nur an sich selbst denken, sofern sie länger miteinander auszukommen planen - etwa der Verkäufer mit seinem Kunden oder Leute in einer Partnerschaft. Aber sobald es sich nur um ein einmaliges Interagieren handelte, würde man wahrscheinlich erwarten, dass die beiden sich keinesfalls selbstlos verhalten. Schließlich, so könnte man vermuten, lohnt sich das für den Einzelnen gar nicht.

Irrtum, fand Fehr heraus - und fragt sich, ob Menschen womöglich überhaupt nicht rational handeln. Das wäre ein schwerer Schlag für die Wirtschaftswissenschaft. Denn die Rationalität ist eine ihrer wichtigsten Annahmen. Fehr veranstaltet gemeinsam mit Studenten Experimente, in denen er testet, wie Menschen sich in bestimmten Situationen verhalten. Heraus kam, dass die Ökonomen bei ihrer grundlegenden Annahme bleiben können. Denn: Die Versuchspersonen handeln rational, aber häufig trotzdem altruistisch. Rationales Verhalten hat also nur wenig mit kühlem Egoismus zu tun. Ein aktuelles Beispiel zeigt sich in der derzeitigen Debatte um soziale Gerechtigkeit. Viele Menschen haben eine Aversion gegen Ungerechtigkeit. Sie sind sogar bereit, dafür zu bezahlen, damit es anderen bloß etwas besser gehen möge.

Der Gossen-Preis ist mit 20 000 Mark dotiert und nach dem deutschen Nationalökonomen Hermann Heinrich Gossen benannt. Preisträger im vorigen Jahr war Michael Burda von der Humboldt-Universität Berlin. Mit der Auszeichnung von Fehr betont der Verein für Socialpolitik die Rolle einer neuen verhaltensorientierten Ökonomie. Diese werde weltweit stark beachtet, sagte Sinn.

Auch in der traditionellen Thünen-Vorlesung - benannt nach dem Ökonomen Johann Heinrich von Thünen - ging es um diese Fragen. Reinhard Selten von der Universität Bonn hob hervor, eine Theorie der vollständigen Rationalität könne nicht alle Ergebnisse seiner Experimente erklären. "Wir müssen unser Bild vom homo oeconomicus revidieren", sagte Selten, der für seine Arbeiten als einziger Deutscher den Nobelpreis für Ökonomie erhalten hat.

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