Wirtschaft : Mehr Ausbildungsplätze für mehr Abiturienten

Berliner Wirtschaft und öffentliche Verwaltung wollen im kommenden Jahr 1100 zusätzliche Lehrstellen anbieten

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Berlin - Ungewohnte Wahlkampfhilfe für Klaus Wowereit: Eric Schweitzer, Präsident der nicht sonderlich sozialdemokratischen Industrie- und Handelskammer (IHK), und Claudia Frank, Präsidentin des Verbandes der Freien Berufe Berlin, der bisweilen mit der FDP in Verbindung gebracht wird, wollen gemeinsam mit dem SPD-Senat 1100 zusätzliche Ausbildungsplätze schaffen. Passend zum Beginn des Ausbildungsjahres 2011 präsentierten die neuen Partner am Donnerstag ihre guten Absichten für 2012. Jeweils 500 zusätzliche Lehrstellen bieten dann Industrie und Handel auf der einen sowie die öffentliche Verwaltung auf der anderen Seite an. Und weitere 100 sollen von den freien Berufen kommen, also im Wesentlichen Apotheker, Ärzte, Anwälte und Steuerberater.

Die zusätzlichen Stellen könnten im kommenden Jahr helfen, mit den besonderen Umständen des doppelten Abiturjahrgangs fertig zu werden: Rund 6000 Jugendliche mehr als sonst werden dann die Schule verlassen. Und nach Angaben von Wirtschaft und Senat beginnt ein Fünftel davon voraussichtlich eine Berufsausbildung. Das wären also 1200, nur etwas mehr als das zusätzliche Angebot. Wowereit sprach von einem „großen Erfolg“ für die jungen Leute. „Wir schaffen rechtzeitig eine Vorsorge.“ IHK-Präsident Schweitzer hofft, künftig mehr Abiturienten für eine berufliche Ausbildung gewinnen zu können. Auch, weil „die Klagen von Unternehmen, die ihre Ausbildungsplätze nicht besetzen können, so laut wie noch nie sind“.

Nach Angaben der Arbeitsagenturen sind derzeit in Berlin-Brandenburg 6922 Ausbildungsplätze noch nicht besetzt (Berlin: 3401), gleichzeitig suchen noch 9111 junge Leute eine Lehrstelle (Berlin: 5676). Auch vor dem Hintergrund dieser Zahlen appellierte Doro Zinke, DGB-Chefin von Berlin und Brandenburg, an die Unternehmen, auch nicht optimal qualifizierten Jugendlichen eine Chance zu geben. Zu der aktuellen Selbstverpflichtung der IHK sagte Zinke, „die versprechen jedes Jahr irgendwelche Zahlen“. Sie befürchte im Übrigen einen „Verdrängungseffekt nach unten“, wenn im kommenden Jahr Abiturienten den Realschülern Ausbildungsplätze wegschnappten.

Ende des Monats will der DGB seinen nächsten Ausbildungsreport vorstellen, kündigte Zinke an und nahm ein Ergebnis bereits vorweg: „Viele Berliner Firmen nehmen den Fachkräftemangel noch immer nicht richtig ernst“, sagte die DGB-Vorsitzende dem Tagesspiegel.

Anders als viele Bereiche in Industrie und Handwerk, wo es kaum Frauen gibt, wollen die freien Berufe vor allem um männliche Schulabgänger werben. Nach Angaben von Claudia Frank sind 85 Prozent der Azubis in den Freien Berufen weiblich. Alfons Frese

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