Wirtschaft : Mehr Bewerber, weniger Lehrstellen

Zu Jahresbeginn wird die Lücke größer/Regierung und Verbände ziehen positive Bilanzdes Ausbildungspaktes 2004

Cordula Eubel

Berlin - Die Lage auf dem Ausbildungsmarkt hat sich in den vergangenen Monaten nach Einschätzung der Gewerkschaften verschlechtert. Seit dem Start des Ausbildungsjahres im Oktober 2004 sind bei der Bundesagentur für Arbeit (BA) 26 000 Ausbildungsstellen weniger gemeldet worden als im Vorjahr. Gleichzeitig gab es 3700 Bewerber mehr. „Die Schere geht auseinander. Das ist Grund zur Besorgnis“, sagt Klaus Heimann, für die Ausbildung zuständiger Abteilungsleiter bei der IG Metall, dem Tagesspiegel. Dagegen zogen Wirtschaftsminister Wolfgang Clement (SPD) und Vertreter der Wirtschaft eine positive Bilanz des so genannten Ausbildungspaktes.

„Wir haben die Trendwende auf dem Ausbildungsmarkt erreicht“, sagte Clement am Dienstag in Berlin. Er gehe davon aus, dass die Wirtschaft auch 2005 mindestens 30000 neue Ausbildungsplätze schaffen werde, wie im Pakt zugesagt. „Wir müssen die Anstrengungen erhöhen“, sagte Clement am Dienstag nach einer Sitzung der Paktpartner. Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt sprach von einer großen Herausforderung angesichts weiter steigender Bewerberzahlen.

Clement und Hundt sowie Bildungsministerin Edelgard Bulmahn (SPD) und DIHK-Präsident Ludwig Georg Braun werteten den Ausbildungspakt, der im Sommer 2004 für die Dauer von drei Jahren abgeschlossen wurde, als Erfolg. Die rechnerische Lücke zwischen Angebot und Nachfrage habe 2004 „mehr als geschlossen“ werden können, sagte Clement. Ende Januar waren 12000 Jugendliche noch nicht versorgt, gleichzeitig waren aber auch 4200 Ausbildungsplätze und 15500 Praktikaplätze noch nicht vergeben. Tatsächlich ist die Zahl der abgeschlossenen Ausbildungsverträge im Ausbildungsjahr 2004 das erste Mal seit 1999 im Vergleich zum Vorjahr gestiegen – um 15300 Stellen oder 2,8 Prozent. Die Steigerung kommt vor allem durch die betrieblichen Plätze zustande, hier gab es ein Plus von 22500 Verträgen (4,5 Prozent).

Das werten auch die Gewerkschaften, die am Pakt nicht beteiligt sind, als Erfolg. Problematisch sei aber, dass gleichzeitig die Zahl der außerbetrieblichen Ausbildungsplätze gesunken sei, beklagt DGB-Vorstandsmitglied Ingrid Sehrbrock. Außerdem würden nur 23 Prozent der Betriebe ausbilden. „Die Regierung nimmt nicht das ganze Bild zur Kenntnis“, sagte Sehrbrock im Deutschlandfunk. Die DGB-Frau kritisierte ferner, dass immer mehr Jugendliche in Ausweichmaßnahmen der Arbeitsagenturen verwiesen würden. In Berufsfachschulen und berufsvorbereitenden Maßnahmen seien rund 340000 Jugendliche, die in den Statistiken nicht mehr auftauchten.

Die IG Metall fürchtet außerdem, dass die so genannten Einstiegsqualifikationen, die im Rahmen des Ausbildungspaktes angeboten werden, sich zu einer „neuen Warteschleife“ entwickeln. Dabei handelt es sich um Betriebspraktika bis zu einem Jahr, die von der Bundesagentur für Arbeit bezuschusst werden.

BA-Vorstandsmitglied Heinrich Alt sagte, inzwischen stammten 46 Prozent der vermittelten Bewerber nicht mehr aus dem aktuellen Schulabgängerjahrgang. Dies trage dazu bei, dass die Azubis immer älter werden; im Durchschnitt sind die Auszubildenden bei Beginn der Lehre 19 Jahre alt. Damit sich die Ausbildungsreife in den nächsten Jahren verbessert, wollen sich Wirtschaftsvertreter und Kultusminister um eine stärkere Kooperation mit den Schulen bemühen. „Der Ausbildungspakt beginnt in der Schule“, betonte Hundt. In den nächsten 10 Jahren müsse die Zahl der Schulabbrecher um zwei Drittel gesenkt werden.

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