Wirtschaft : Mehr Qualifizierung für Gewerkschaftsmitglieder

IG Chemie will Mitgliederbonus in den Tarifverhandlungen durchsetzen/IG Metall vereinbart Privilegien für die eigenen Anhänger

Alfons Frese

Berlin - Die Gewerkschaften bemühen sich zunehmend um tarifvertragliche Vorteile für ihre Mitglieder. Die Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE) will in den am Montag beginnenden Tarifverhandlungen eine „Besserstellung für Gewerkschaftsmitglieder erreichen“. Konkret geht es um eine „bezahlte Freistellung zugunsten einer Qualifizierungsmaßnahme“, wie es im Forderungskatalog der IG BCE heißt. Nach der Vorstellung der Gewerkschaften zahlen künftig alle Chemiefirmen einen Betrag in Höhe von acht Promille der Bruttolohn- und Gehaltssumme in einen Topf, mit dem die Qualifizierungskosten getragen werden. Einen Anspruch auf Qualifizierung sollen nur die Mitglieder der IG BCE haben. Diesen Bonus für Gewerkschaftsmitglieder lehnen die Arbeitgeber „nachdrücklich ab“.

Mit Privilegien für ihre Mitglieder versucht vor allem die IG Metall in Nordrhein-Westfalen bei der Basis zu punkten. Inzwischen hat die Gewerkschaft dort in 45 Unternehmen entsprechende Regelungen vereinbart. Alle diese Firmen zusammen beschäftigten 12000 Mitarbeiter, davon gehören 7000 der IG Metall an. Gemeinsam ist den Unternehmen, dass sie in Schwierigkeiten geraten sind und deshalb mit der IG Metall eine Abweichung vom Tarifvertrag vereinbart haben; dabei geht es meistens um längere Arbeitszeit ohne Lohnausgleich oder Einbußen beim Urlaubs- und Weihnachtsgeld. Im Rahmen dieser „Beschäftigungssicherungsvereinbarungen“ hat die IG Metall nun Vorteile für ihre 7000 Mitglieder festgeschrieben.

Zumeist handelt es sich dabei um Qualifzierungsansprüche: Die Gewerkschaftsmitglieder bekommen ein bestimmtes Qualifizierungskontingent in Geld oder Zeit, das für die berufliche Weiterbildung aufgebraucht wird. Ferner hat die IG Metall in einigen Vereinbarungen erreicht, dass ihren Mitgliedern weniger vom Urlaubs- und Weihnachtsgeld gestrichen wird als den „normalen“ Beschäftigten. Als drittes Instrument zur Besserstellung der eigenen Leute gibt es für diese einen besonderen Beitrag zur Altersvorsorge. Alles in allem kommen die Privilegien „gut an“, sagte der nordrhein-westfälische IG-Metall-Sprecher Wolfgang Nettelstroth. Und: „Wir bekommen dadurch mehr Mitglieder.“

Allerdings ist diese Politik innerhalb der IG Metall und des DGB umstritten. Das Selbstverständnis der Gewerkschaften zielt eigentlich auf die Vertretung der Interessen aller Arbeitnehmer und fußt auf dem Prinzip „Gleicher Lohn für gleiche Arbeit“. Deshalb wurden die Vereinbarungen in einzelnen Firmen der nordrhein-westfälischen Metallindustrie von Gewerkschaftsoberen vorsichtig als „Experimente“ qualifiziert. In der Chemieindustrie ist die Lage anders: Sollte die IG BCE ihre Forderung in Tarifverhandlungen durchsetzen, wäre erstmals im Rahmen eines Flächentarifvertrags die Begünstigung von Gewerkschaftsmitgliedern festgeschrieben. Der Tarifexperte Reinhard Bispinck von der Hans-Böckler-Stiftung hat Verständnis für diesen Ansatz. „Das Anliegen, die Trittbrettfahrermentalität in den Griff zu kriegen, kann ich durchaus nachvollziehen“, sagte Bispinck dem Tagesspiegel. Als Trittbrettfahrer gelten die Arbeitnehmer, die zwar von den Tarifabschlüssen, die die Gewerkschaften und ihre Mitglieder durchsetzen, profitieren, sich aber selbst nicht gewerkschaftlich engagieren. Tarifpolitische Mitgliederboni wird es seiner Meinung nach aber nur in Randbereichen geben und nicht bei der Festlegung von Löhnen und Arbeitszeiten.

Die Verhandlungen in der Chemieindustrie beginnen am Montag für den Tarifbezirk Rheinland-Pfalz, andere Regionen folgen und Anfang Juni werden die Tarifgespräche bundesweit fortgeführt. Es geht dabei um 1900 Chemieunternehmen mit 550000 Beschäftigten in ganz Deutschland. Im Mittelpunkt der Tarifrunde – in diesem Jahr die größte in der deutschen Industrie – stehen neben dem Mitgliederbonus für die Gewerkschaft höhere Einkommen und Regelung zur Altersvorsorge. Die Arbeitgeber verweisen auf die schwierige konjunkturelle Lage und wollen eine „tarifpolitische Stabilitätsrunde“.

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