Mein ERSTES Geld : Zum Sportplatz über den Zaun

Horst Seehofer B,esagrarminister

Mein erstes Geld habe ich mit dem Ausfahren von „Lesezirkeln“ verdient. Das sind diese Zeitschriftenmappen, die vor allem an Arztpraxen verteilt werden. Da war ich 15 oder 16 Jahre alt und konnte noch nicht ahnen, dass ich später mal beruflich mit Ärzten zu tun haben würde.

Drei bis vier Stunden hat das Ausfahren gedauert. Ich musste die Mappen immer am Mittwoch verteilen. Aber mittwochs war in den meisten Praxen der Arzt nicht anwesend, was schlecht für mich war: Wenn der Arzt nicht da war, gab’s auch kein Trinkgeld. Für viermal Ausfahren habe ich immerhin zwischen 10 und 20 D-Mark bekommen. Das war viel Geld für mich. Wir waren zu Hause vier Kinder. Da gab’s kein Taschengeld.

Jeden Sonntag bin ich mit meinen Freunden zum Sport gegangen. Computer und Fernsehen hatten wir damals noch nicht. Am Eingang des Sportplatzes wurde gnadenlos kontrolliert. Wer keine Eintrittskarte hatte, kam nicht durch. Also sind wir auf der anderen Seite des Sportplatzes über den Zaun geklettert. Das haben die Kontrolleure natürlich mit der Zeit gemerkt und dann auch dort kontrolliert. Das war jedes Mal ein Katz-und- Maus-Spiel: Wie lenkt der eine den Kontrolleur ab, damit der andere reinkommt?

Mein selbst verdientes Geld habe ich dann vor allem verwendet, um bei Sportereignissen – hauptsächlich Fußball und Handball – sonntags nicht mehr über den Zaun klettern zu müssen. Ich konnte mir eine offizielle Eintrittskarte und in der Halbzeit sogar noch eine Cola und ein Würstchen leisten. Darauf war ich richtig stolz. Immer wenn es finanziell geklemmt hat, musste ich trotzdem wieder klettern – was mit zunehmendem Alter aber immer unwürdiger geworden ist.

Aufgezeichnet von Maren Peters

Horst Seehofer (58) ist CSU-Mitglied und kommt aus Ingolstadt. Sein Vater war Lkw- Fahrer und Bauarbeiter. Seehofer gilt als Experte für Gesundheitspolitik. Von 1992 bis 1998 war er Gesundheitsminister.

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