Wirtschaft : Mein Rechner und ich

Personalberater sollten kontaktfreudig sein. Doch einige Anbieter suchen introvertierte Mathematiker mit Schwerpunkt Finanzen. Eine Chance für jene, die lieber theoretisch arbeiten als verkaufen

Petra Hoffknecht
Kommunikation nicht notwendig. Viele Unternehmen bauen neue Geschäftsfelder auf. Das birgt Chancen für Absolventen, die nicht klassisch BWL studiert haben. Foto: Spiekermann-Klaas
Kommunikation nicht notwendig. Viele Unternehmen bauen neue Geschäftsfelder auf. Das birgt Chancen für Absolventen, die nicht...

Müssen Personalberater stets redegewandt und kontaktfreudig sein? Nicht zwingend. Denn auch introvertiertere Menschen, die lieber rechnen als verkaufen, finden interessante Tätigkeiten in internationalen Beratungshäusern. So suchen beispielsweise Mercer und Hay Group solche Zahlenjongleure. Die beiden Unternehmen haben sich auf Fragestellungen zur betrieblichen Altersversorgung und zum Vergütungsmanagement spezialisiert. Klassische Personalberatungen hingegen, die Arbeitgeber und Arbeitnehmer zueinanderbringen, bieten diese Dienstleistung nicht an.

„Im laufenden Jahr haben wir bereits fünf Mathematiker eingestellt, 2009 und 2010 waren es jeweils etwa 20“, sagt Peter A. Doetsch, Geschäftsführer von Mercer Deutschland. Sein Beratungsunternehmen mit mehr als 600 Mitarbeitern ist an sieben Standorten vertreten. Mathematiker stellen laut Doetsch ein Drittel der Belegschaft.

Einer davon ist Joachim Brandenburg, 33 Jahre alt und Diplom-Mathematiker. Sein Job ist es, sich mit versicherungsmathematischen Fragen zur betrieblichen Altersversorgung (bAV) auseinander zu setzen: „Wir bewerten die Pensionsverpflichtungen eines Arbeitgebers. Dieser gibt schließlich seinen Angestellten ein Rentenversprechen, von dem er nicht weiß, wann, in welcher Höhe und für wie lange er es einlösen muss.“ Zusätzlich berät Brandenburg zum Beispiel Unternehmen bei der Einführung der bAV oder bei der rechtlichen Gestaltung, sollten zwei Unternehmen fusionieren und deren Vorsorgesysteme vereinheitlicht werden.

„Finanzmathematiker setzen wir auch im wachsenden Segment des so genannten Investment Consultings ein, bei dem wir institutionelle Investoren in allen Phasen des Anlageprozesses begleiten. Die Mathematiker beraten Kunden zudem in Vergütungsfragen für die Belegschaft – da geht es etwa um Vergleichsberechnungen und Benchmarks“, ergänzt Geschäftsführer Doetsch. Auch bei Hay Group Deutschland arbeiten nach Angaben von Bibi Hahn, Mitglied der Geschäftsführung, promovierte Mathematiker. „Bei der Berechnung von Vergütungsmodellen ist das sicherlich von Vorteil“, sagt sie. Allerdings bestünden bei Hay Group die Teams aus Mitarbeitern unterschiedlicher Fachrichtungen, denn die erzielten bessere Ergebnisse als homogene Teams, ist Hahn überzeugt.

Als Mathematiker Brandenburg vor sechs Jahren bei Mercer in Frankfurt anfing, kam er direkt von der Uni – hochmotiviert, mit sehr guten Englischkenntnissen und Spaß an juristischen Fragen, wie er sagt. Von seinem Arbeitgeber ließ er sich finanziell bei der berufsbegleitenden Ausbildung zum Aktuar der Deutschen Aktuarvereinigung(DAV) unterstützen. Auch die Mitgliedschaft beim Institut der Versicherungsmathematischen Sachverständigen (IVS) wird gesponsert. Die Zusatzqualifikation ist bei Mercer nicht vorgeschrieben, wird aber gerne gesehen. Den Aktuarstitel hat Brandenburg seit zweieinhalb Jahren in der Tasche, das Prädikat „IVS-Sachverständiger“" seit letztem Herbst. Nun startet er beruflich durch: Er soll ein zehnköpfiges Team leiten.

Als großes Plus der Mathematiker sieht Brandenburg ihr analytisches Denken – eine Fähigkeit, die auch bei Management- und Strategieberatungen gefragt ist. Es werden gezielt Berater mit unterschiedlichen Qualifikationen eingestellt, beobachtet Ansgar Richter. Er ist Professor für Strategie und Organisation an der European Business School in Oestrich-Winkel.

Auch global betrachtet, lässt sich dieser Trend beobachten. Nach Angaben der Association of Executive Search Consultants (AESC), dem weltweiten Dachverband der Personalberatungsunternehmen, wollen 66 Prozent seiner Mitglieder 2011 mehr Berater und 44 Prozent mehr Researcher beschäftigen, bevorzugt in Nordamerika und Europa.

„Da die Beratungen zunehmend ihr Angebot diversifizieren und neue Geschäftsfelder ausbauen, um in wirtschaftlich schwierigen Zeiten weniger krisenanfällig zu sein, besteht natürlich auch Nachfrage jenseits der klassischen Absolventenprofile wie dem BWLer“, sagt Richter. „Insgesamt werden Mathematiker jedoch in den klassischen Beratungshäusern zahlenmäßig nach wie vor keine herausgehobene Rolle spielen.“ Die meisten Personalberatungen dürften auf Rekrutierung und Entwicklung fokussiert bleiben und Themen wie die betriebliche Altersversorgung oder das Vergütungsmanagement den Spezialisten überlassen. (HB)

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