Merck-Chef im Tagesspiegel-Interview : „Die Deutschen haben eine romantische Seele“

Karl-Ludwig Kley, Chef des Pharmakonzerns Merck, über Innovationshürden, Milliardenkäufe und die Vorteile von TTIP.

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Von der Lufthansa zu Merck. Karl-Ludwig Kley ist seit 2007 Chef des Darmstädter Pharmakonzerns.
Von der Lufthansa zu Merck. Karl-Ludwig Kley ist seit 2007 Chef des Darmstädter Pharmakonzerns.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Herr Kley, Sie verantworten die größte Übernahme in der fast 350-jährigen Firmengeschichte von Merck. 17 Milliarden Dollar soll der Kauf des amerikanischen Laborausrüsters Sigma-Aldrich kosten – können Sie noch ruhig schlafen?

Ich schlafe meistens sehr ruhig. Und wenn ich mal nicht schlafen kann, dann nicht wegen dieser Akquisition. Sie passt strategisch sehr gut in das, was wir in den vergangenen Jahren aufgebaut haben und wohin wir uns weiterentwickeln wollen. Ein hoher Kaufpreis ist in den Sektoren Pharma und Life Science nicht ungewöhnlich. Aber er ist solide finanziert und bei unserer starken Schuldentilgungsfähigkeit auch relativ schnell abzahlbar.

Wie funktioniert das?

Vor ungefähr einem Jahr haben wir die Firma AZ Electronic Materials gekauft und hatten damit Schulden von etwas mehr als zwei Milliarden Euro. Die sind praktisch wieder auf null, das heißt wir waren in der Lage, das innerhalb von zwölf Monaten abzutragen. Wir werden, wenn wir die Akquisition von Sigma wie geplant Mitte des Jahres abschließen können, etwa zwölf Milliarden Euro Schulden haben. Null Schulden ist sicher kein betriebswirtschaftlich sinnvolles Ziel. Aber wir denken schon, dass wir in drei bis vier Jahren die Schulden so weit abgebaut haben, dass Merck damit wieder handlungsfähig für weitere große Schritte sein wird.

Wie relevant ist die aktuelle Euroschwäche im Verhältnis zum Dollar?

Wir haben ein gutes Händchen gehabt und haben den Kaufpreis frühzeitig gegen Währungsschwankungen abgesichert. Die aktuelle Schwäche des Euro wirkt sich deswegen nicht negativ auf den Kaufpreis aus. Mittelfristig dürfte sich die Euroschwäche für uns sogar positiv auswirken, weil ein Gutteil unseres Geschäfts in den USA oder Staaten mit Dollarbindung stattfindet und wir für die Umsätze aus den Dollar-Ländern mehr Euro bekommen.

Welche Produkte liefern Sigma-Aldrich und Ihr bisheriges Life-Science-Geschäft Merck Millipore?

Eigentlich alles fürs Labor: Von Spezialfiltern über hochreines Laborwasser, wo wir ein führender Anbieter sind, bis hin zu Zellkulturmedien, Analysematerialien und alles, was die Wissenschaftler für chemische Reaktionen benötigen. Es ist eine enorm große Produktpalette, nicht für Endverbraucher, sondern für Institutionen, die mit unseren Produkten Forschung betreiben – von Universitäten bis zur Pharma- und Ernährungsindustrie. Unsere zweite Kundengruppe kommt aus der biotechnologischen und pharmazeutischen Produktion, die mit unseren Produkten Arzneimittel herstellen.

Insgesamt 300 000 Produkte müssen registriert und lizensiert werden. Würde Ihnen ein Abkommen wie TTIP helfen?

Ein Wegfall von Zöllen hätte direkte finanzielle Vorteile für Merck, die sich aber in überschaubarem Rahmen bewegen. Wichtiger wäre für uns eine Angleichung von Standards oder eine gegenseitige Anerkennung von Genehmigungen. Im Moment ist es zum Beispiel so, dass mehr klinische Studien für Arzneimittel durchgeführt werden als unbedingt nötig wäre – nur, weil in Europa und den USA unterschiedliche Regeln greifen. Geholfen wäre uns auch mit einem einheitlichen Kontrollsystem. Derzeit gibt es Hunderte von Inspektionen durch die europäischen und amerikanischen Arzneimittelbehörden, die inhaltlich fast deckungsgleich sind. Die könnten gegenseitig anerkannt werden. Dann könnten wir mehr produktive Kraft für Innovationen einsetzen, anstatt auf beiden Seiten des Atlantiks Formulare auszufüllen.

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