Metallindustrie : Bereit für die nächste Runde

Gesamtmetall-Chef Martin Kannegiesser hält angesichts des drohenden Abschwungs vier Prozent mehr Lohn für genug. Die Gewerkschaft sieht das als Schwarzmalerei.

Hannes Heine

Joachimsthal - Die Metallindustrie bereitet sich auf eine harte Tarifrunde vor. Gesamtmetall-Präsident Martin Kannegiesser äußerte sich erstmals konkret zur vorläufigen Forderung der IG Metall: Der Vorstand der Gewerkschaft hatte den regionalen Tarifkommissionen empfohlen, zwischen sieben und acht Prozent mehr Lohn zu fordern – so viel wie seit 16 Jahren nicht. „Die Forderung ist in den Betrieben mit Entsetzen und Resignation aufgenommen worden“, sagte Kannegiesser bei einer Verbandsveranstaltung in Hubertusstock nördlich von Berlin: Firmenvertreter aus der Metallbranche hätten ihm gesagt, „die IG Metall hat nicht mehr alle Tassen im Schrank“. Es werde den Arbeitgeberverband viel Mühe kosten, die eigenen Mitgliedsbetriebe zusammenzuhalten. Einige hätten sich gar nicht erst zu Verhandlungen treffen wollen.

Vier Prozent Lohnerhöhung seien durch Fakten gedeckt, sagte der Gesamtmetall-Präsident: 1,5 Prozent wegen der gestiegenen Produktivität und 2,5 Prozent, um die Inflation auszugleichen. „Über vier Prozent könnte man also diskutieren“, erklärte Kannegiesser. Die andere Hälfte der Forderung sei „reines Gefühl“, also nicht ökonomisch, sondern allenfalls politisch begründbar. „Das wäre Umverteilung, doch die muss der Staat über seine Steuer- und Sozialpolitik leisten.“ Zwar seien die Gewinne in der Branche gestiegen, sie würden im kommenden Jahr aber unweigerlich sinken. Wirtschaftsforscher erwarten 2009 eine Abkühlung der Konjunktur. „Die Frage ist nicht ob, sondern nur wie lange und wie tief der Abschwung werden wird“, sagte Kannegiesser.

Für 2008 rechnen die Arbeitgeber noch mit einem Produktionswachstum von bis zu fünf Prozent, 2009 solle es dann bei einer Null liegen. Die Forderung der IG Metall hätte auf dem Höhepunkt der Konjunktur vor einem Jahr mehr Sinn ergeben, sagte Kannegiesser. 2007 hatte die Gewerkschaft in der Schlüsselbranche zunächst 6,5 Prozent mehr Geld gefordert und Erhöhungen in zwei Stufen von 4,1 und 1,7 Prozent bei einer Laufzeit von 19 Monaten durchgesetzt. Die IG Metall geht jedoch auch für 2009 von einem Produktionswachstum von 3,5 Prozent aus.

„Gesamtmetall redet die Lage schlecht“, heißt es von der Gewerkschaft. So reichten etwa im größten Tarifbezirk Nordrhein-Westfalen die Aufträge im Maschinenbau noch bis 2010. Von einer ernsten Rezession könne keine Rede sein. „Wir haben hohen Nachholbedarf in Sachen Gerechtigkeit und Binnennachfrage“, sagte IG-Metall-Chef Berthold Huber kürzlich. Seit 2004 seien die Nettogewinne der Betrieb in der Metall- und Elektroindustrie um 220 Prozent gestiegen, die Entgelte der Beschäftigten aber offiziell nur um zehn Prozent und wegen der Inflation sogar allenfalls um zwei Prozent. Die deutsche Metallindustrie sei immer noch Exportweltmeister. Allerdings bleibe die Inlandsnachfrage wegen der zu niedrigen Löhne schwach.

Gesamtmetall kontert: Gerade weil zwei Drittel der Arbeitsplätze vom Export abhängig seien, sei Weltmarktfähigkeit der deutschen Metallindustrie das wichtigste Kriterium bei der Lohnfindung, nicht die Binnennachfrage. Als Ergebnis wünsche sich Kannegiesser einen Tarif mit flexiblen „Gelenken“, die auf die spezifische Situation in einzelnen Unternehmen eingestellt werden könnten. Rund 3,6 Millionen Menschen arbeiten in einem der 23 000 Betriebe der Branche. Etwa 3500 brutto bekommt ein Tarifbeschäftigter in der Metallindustrie derzeit durchschnittlich im Monat.

Die IG Metall will ihre konkretisierte Forderung am 23. September vorstellen. Da Ende Oktober die Friedenspflicht endet, könnte es schon ab dem 1. November erste Warnstreiks geben. Hannes Heine

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