Metro-Vorstand : Ohne Spitze, ohne Klasse

Der Machtkampf bei Metro hat dem Ruf des Großaktionärs Haniel geschadet – das erschwert die Suche nach einem Nachfolger für Vorstandschef Cordes

von
Unter Kontrolle. Haniel-Chef Jürgen Kluge (rechts) rückte Anfang des Jahres an die Spitze des Metro-Aufsichtsrats und wurde damit der oberste Kontrolleur von Vorstandschef Eckhard Cordes. Foto: dapd
Unter Kontrolle. Haniel-Chef Jürgen Kluge (rechts) rückte Anfang des Jahres an die Spitze des Metro-Aufsichtsrats und wurde damit...Foto: dapd

Am Montag wird Metro-Chef Eckhard Cordes im Flieger nach Belgrad sitzen. Als Vorsitzender des Ost-Ausschusses der deutschen Wirtschaft soll er Investitionsmöglichkeiten für heimische Firmen bei dem EU-Beitrittskandidaten Serbien ausloten. Er wird froh sein, dem Gezerre in Deutschland zu entfliehen. In Belgrad ist er Verhandlungsführer, trifft den serbischen Präsidenten. In Deutschland ist er ein Manager auf Abruf, bei dem die Aktionäre nur darauf warten, dass er seinen Chefsessel bei Metro räumt.

Cordes Vertrag läuft noch bis Oktober 2012, und bei einer Veranstaltung in Hamburg am Donnerstag sagte er: „Ich bin bereit, den Vertrag so lange zu erfüllen, wie es im besten Sinne des Unternehmens ist.“ Doch die Suche nach einem Nachfolger ist nicht leichter geworden, nachdem in dieser Woche auch noch der Aufsichtsratsvorsitzende Jürgen Kluge – zugleich Vorstand des Metro-Großaktionärs Haniel – sein Mandat im Kontrollgremium des Handelskonzerns hinwarf. Und damit offenbarte, welche Gräben sich zwischen Eigentümern und Konzernleitung in den vergangenen vier Jahren aufgetan haben.

Als Cordes seine Karriere bei Metro begann, lagen die Dinge einfacher. 2006 holte ihn das Duisburger Unternehmen Haniel an seine Spitze. Der weitverzweigte Clan mit rund 600 Mitgliedern ist an mehr als 800 Unternehmen beteiligt, darunter auch die Metro. (siehe Kasten)

Cordes überzeugte Haniel kurz nach seinem Amtsantritt, die Beteiligung an der Metro mehr als zu verdoppeln – auf 34 Prozent. Dafür gab das Unternehmen rund drei Milliarden Euro aus. Mit den Schmidt-Ruthenbecks schlossen die Haniels einen Poolvertrag und drängten mit ihrer gemeinsamen Stimmenmehrheit von 50,01 Prozent den Mitgründer Otto Beisheim an den Rand. Kurz darauf rückte Cordes auch an die Spitze der Metro – zunächst nur als Übergangslösung. Er sollte durchgreifen und begann, das Handelsunternehmen umzubauen. Die Kosten sollten sinken, defizitäre Bereiche verkauft werden, mehr Gewinn übrig bleiben – eigentlich im Sinne der Haniels, bei denen etliche Gesellschafter von den Erträgen ihrer Beteiligungen leben.

Die Supermarktkette Real wollte Cordes genauso losschlagen wie die Kaufhof-Warenhäuser. Die Elektroniksparte Media-Saturn sollte an die Börse gebracht werden. Mit dem Sparprogramm „Shape 2012“, das unter Analysten als Erfolg gilt, wollte der ehemalige Daimler-Manager das Metro-Ergebnis um 1,5 Milliarden Euro steigern, durch Kostensenkungen und höhere Produktivität. 19 000 Mitarbeiter mussten im Zuge des Umbaus gehen, der Konzern wurde dezentralisiert, Finanzdienstleistungen ausgelagert. Die Metro-Gruppe, die weltweit 280 000 Mitarbeiter hat, davon 110 000 in Deutschland, sollte sich auf das Cash & Carry-Geschäft konzentrieren.

Das Sparprogramm zeigte Wirkung, Metro kam gut durch die Krise. Unter Cordes erwirtschaftete der Konzern 2010 mit 67 Milliarden Euro einen der höchsten Umsätze der Firmengeschichte. Doch der Aktienkurs fiel immer weiter. Denn für Real fand Cordes genauso wenig einen Käufer wie für Kaufhof. Sein Plan, aus Karstadt und Kaufhof einen großen deutschen Warenhauskonzern zu schmieden, scheiterte am Karstadt-Investor Nicolas Berggruen. Und auch den Börsengang von Media-Saturn konnte der Manager nicht realisieren – wegen der Blockade der Minderheitsgesellschafter, allen voran Gründer Erich Kellerhals. Bald fiel die Aktie deutlich unter 30 Euro – Haniels hatten bei einem Stand von mehr als 60 Euro gekauft.

Der erfolgsverwöhnte Clan fürchtete um seine Dividende. Der größte Teil des Haniel-Kapitals war bei Metro und dem Pharmagroßhändler Celesio gebunden, und auch bei Celesio lief es nicht rund. Schließlich musste Cordes seine Doppelspitze aufgeben. Familiensprecher Franz Markus Haniel setzte ihm den Ex-McKinsey-Manager Jürgen Kluge vor die Nase, der fortan die Geschäfte bei Haniel führen sollte. Ein Jahr später wurde er Aufsichtsratschef von Metro und damit Cordes’ oberster Kontrolleur. Kluge und Cordes gelten als Widersacher.

Kluge soll auch seinen Anteil daran gehabt haben, dass Cordes Vertragsverlängerung wochenlang öffentlich debattiert wurde. Die Familie Schmidt-Ruthenbeck hatte der Sanierer, der Jahre zuvor die Fusion von Daimler und Chrysler mit vorbereitet hatte, hinter sich. Doch Haniel zögerte zu lange, und Kluge heizte die Spekulationen durch Personalgesuche und unbedachte Äußerungen an. Als Franz Markus Haniel sich schließlich zu einem Bekenntnis zu Cordes durchrang, war es zu spät. Der Manager war das Hin und Her leid. Zu groß muss auch Cordes’ Sorge gewesen sein, bei der für November geplanten Entscheidung im Aufsichtsrat zu scheitern. „Cordes hat unter den Arbeitnehmervertretern im Aufsichtsrat keine Mehrheit gehabt“, sagt Christoph Schmitz, Sprecher der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi. „Aber sie hätten nicht den Ausschlag gegeben.“

Der Machtkampf bei der Metro hat auch Haniel und Kluge selbst beschädigt. Die Familie, die größten Wert auf Verschwiegenheit legt, stand zum zweiten Mal in kürzester Zeit unrühmlich im Fokus. Erst im Juni hatte Celesio-Chef Fritz Oesterle seinen Posten geräumt. Auch er soll sich mit Kluge überworfen haben, genau wie Finanzchef Christian Holzherr, der, wie die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ ohne Quellenangabe berichtet, im November das Unternehmen verlassen wird. Celesio wollte das am Samstag nicht kommentieren.

Und auch der Streit um Vetorechte bei der Metro-Tochter Media-Saturn, der immer wieder die Gerichte beschäftigte, zeigt: Der neue Metro-Chef wird es nicht leicht haben mit den Eigentümern.

Die Arbeitnehmervertreter wünschen sich nun einen an der Spitze des Konzerns, der es anders macht, keinen „Kostensenker mehr“, sagt Verdi-Sprecher Schmitz. „Wir hoffen auf einen Neubeginn, der die Interessen der Beschäftigten stärker berücksichtigt.“

Der als neuer Metro-Aufsichtsratschef gehandelte Franz Markus Haniel muss nun einen Nachfolger suchen, der sich in beiden Welten bewegen kann – im Familienreich der Haniels und im Weltkonzern Metro. Einige Namen sind im Gespräch: Pierre Bouchut, Finanzchef des französischen Lebensmittelhändlers Carrefour, Metro-Finanzvorstand Olaf Koch oder Cash & Carry–Vorstand Joël Saveuse.

Für die Aktionäre bleibt vorerst die Unsicherheit, welche Richtung Metro einschlagen wird. Ob etwa Real und Kaufhof beim Konzern bleiben. „Die Unsicherheit über die Strategie bestand auch unter Cordes schon“, sagt Christoph Schlienkamp, Analyst beim Bankhaus-Lampe, als Erklärung für den derzeit schwachen Kurs. Das Bankhaus glaubt, dass die Aktie mit 42 Euro fair bewertet wäre. „Wir sind aber skeptisch, ob sich das an der Börse auch so realisiert“, sagt Schlienkamp.

Und Cordes? Vorsitzender des Ost-Ausschusses will er bleiben. Was genau er für die Zeit nach der Metro plant, verriet er auch in Hamburg nicht. „Bei mir kommt jetzt Karrierephase drei“, sagte er nur.

0 Kommentare

Neuester Kommentar