Wirtschaft : Microsoft hält an seiner Strategie fest

In Windows 98 ist der Internet Browser integriert / Kühle Reaktion auf einstweilige Verfügung

PALO ALTO (ruk/HB/AP).Microsoft schlägt zurück.Der Computerriese will gegen die einstweilige Verfügung des Bezirksgerichts der US-Bundeshauptstadt Washington Einspruch erheben.Das Gericht hatte Microsoft untersagt, Computerhersteller wie Compaq oder Dell zur gleichzeitigen Installation von Windows 95 und Internet Explorer zu zwingen.Das Softwarehaus hält den Richterspruch für unangemessen.Denn das Bezirksgericht, kritisiert Microsoft-Anwalt William Neukom, habe den Vorwurf des Justizministeriums niedergeschlagen, daß Microsoft durch seine Lizenzpraktiken die Vergleichsvereinbarungen von 1995 verletzt habe.Nach Ansicht des Firmenanwaltes hätte der Richter damit aber den Fall beenden müssen. Dieser hatte jedoch in eigenem Ermessen den Fall auf eine breitere Basis gestellt, die sich stärker mit dem Thema der Monopolvorwürfe beschäftigt.Dazu soll im Juni kommenden Jahres ein endgültiges Urteil ergehen.Nach Ansicht von Microsoft-Anwalt Neukom habe sich Richter Jackson damit auf ein gefährliches Terrain begeben, da er versuche, amerikanischen Technologiefirmen das Recht abzusprechen, selbst zu bestimmen, wann sie welche Funktionen in ihre Produkte integrieren wollen. Um seine weitere Strategie zu unterstreichen, wonach der Internet-Browser und das Betriebssystem ein integriertes Produkt seien, bot Microsoft den PC-Herstellern an, entweder die neueste "Windows 95"-Version zu laden, bei der der Browser bereits integriert ist, oder auf eine leicht veränderte Version von "Windows 95" zurückzugreifen, die praktisch zwei Jahre alt ist.Damit bestätigte Microsoft zugleich aber auch, daß in der ursprünglichen Version der Internet Explorer noch nicht integriert war, sondern erst in den Folgeversionen für die PC-Hersteller (Upgraded Versions) zur Verfügung stand.Das Justizministerium hatte sich genau gegen dieses Vorgehen ausgesprochen, da es den PC-Herstellern keine echte Wahl biete. Schon zuvor hatte das Urteil hohe Wogen ausgelöst.Die Meinungen reichten vom "zahnlosen Rechtsspruch" bis zu "einer weisen Entscheidung in einem Jahrhundertprozeß": Nach der einstweiligen Verfügung von US-Bundesrichter Thomas Jackson in Sachen US-Justizministerium gegen Microsoft kam es zu Reaktionen von Analysten und Kommentatoren, wie sie unterschiedlicher kaum sein können.Die Anhänger der Microsoft-Linie sprechen von einem neuen Wirtschaftsgefüge ("New Economy"), das sich durch die High-tech-Firmen gebildet habe und das geprägt sei von einer enormen Innovationskraft und einem rasanten Wachstum.Microsoft steht stellvertretend für alle innovativen Unternehmen und nehme für sich das Recht in Anspruch, neue Funktionen in die Produkte zu integrieren, wann immer man das für sinnvoll erachtet.So sei es auch mit dem Internet Explorer und dem Betriebssystem "Windows 95" geschehen. Die Einbindung des Explorers in das Microsoft-Betriebssystem "Windows 95" wurde nach und nach vorgenommen, so wie die Versionen zur Installation an die PC-Hersteller ausgeliefert wurden.Bei der abgepackten Version von "Windows 95", wie sie getrennt von einem Computerkauf im Laden erhältlich ist, war nie von speziellen Upgrade-Versionen die Rede.So laufen beispielsweise auch die jüngsten Versionen der Online-Dienste AOL und Compuserve korrekt nur mit neueren Versionen von "Windows 95".Gleiches gilt für die US-Version der Finanzsoftware "Quicken 98" oder die Gruppensoftware "Lotus Notes". Microsoft nimmt diese Entwicklung sogar als Begründung dafür, daß die PC-Hersteller keine "alten, dummen Windows-Versionen" wollen, sondern lieber die Upgrades einschließlich des Internet Explorers.Als Argument der Fortschrittsgläubigen im Microsoft-Lager war immer wieder zu lesen, daß die alten Kartellgesetze nicht auf das Informationszeitalter angewendet werden können.Genau gegen diese Ansicht hat sich jedoch Richter Jackson in seiner Begründung der einstweiligen Verfügung gewandt.Er sprach davon, daß Microsoft beim Betriebssystem für Personalcomputer bereits ein Monopol besitze und dies allem Anschein nach auch auf eine durch das Internet veränderte Ordnung ausweiten wolle.Der Richter sieht die Notwendigkeit staatlichen Handelns, wenn bestimmte Machtschwellen überschritten werden. Die Entscheidung im vorliegenden Fall wird als Grundsatzurteil in die High-tech-Geschichte eingehen.Der vom Richter bestellte Special Master, der 36jährige Harvard-Professor Larry Lessig, ist über Nacht ins Rampenlicht gerückt.Er hat sich bislang nach einer Assistentenzeit am Obersten Gerichtshof einen Namen als Spezialist für Rechtsfragen rund ums Internet gemacht. Der Konflikt zwischen dem Software-Giganten und den Hütern des freien Wettbewerbs im US-Justizministerium ist deswegen so kompliziert, weil es dabei um zwei ganz verschiedene Dinge geht: Wettbewerbsrechtlich haben die Kartelljuristen Bedenken, daß Microsoft mit der Koppelung von Betriebssystem und Browser den lästigen Konkurrenten Netscape Communications ausschalten will, der immer noch den Markt der Internet-Browser anführt.Technologisch betrachtet hat Microsoft aber durchaus nachvollziehbare Argumente für eine Integration des Browsers in das Betriebssystem. Da sich immer mehr PC-Anwender die Arbeit am Computer nicht mehr ohne den Zugang zum Internet vorstellen können, ist es nur konsequent, daß ein Betriebssystem dies ebenso einfach unterstützt wie die Verwaltung von Dateien auf der Festplatte.Die Browser-Technik kann ohne weiteres ins Betriebssystem integriert werden.Für das Betriebssystem Windows 95 ist die Sache aber jetzt zunächst geklärt: Microsoft darf zwar den PC-Herstellern sowohl Windows 95 als auch den (ohnehin kostenlos verteilten) Internet-Explorer für die Vorinstallation zur Verfügung stellen.Den Herstellern aber steht es frei, nur das Betriebssystem zu installieren.Die Kunden haben dann die freie Wahl, sich zwischen den unterschiedlichen Vorzügen des Microsoft-Browsers und des Netscape Navigators zu entscheiden. Doch Microsoft will zur Cebit im März kommenden Jahres das Nachfolger-Betriebssystem Windows 98 herausbringen, bei dem die Browser-Technik untrennbar mit dem Betriebssystem verschweißt ist - so eng, daß sich der Internet Explorer nicht mehr deinstallieren läßt.

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