Wirtschaft : Miese Spiele am Arbeitsplatz

FRIEDERIKE STORZ

Mobbing im Kollegenkreis kostet jährlich 30 Mrd.DMVON FRIEDERIKE STORZ BERLIN.Mobbing ist teuer.Auf 30 Mrd.DM werden in Deutschland die jährlichen Folgekosten durch den Kampf unter Kollegen am Arbeitsplatz geschätzt.Bei den betroffenen Unternehmen entstehen Einbußen durch Krankmeldungen, fehlerhafte Produktion oder durch Leistungsverweigerung."Kränkungen machen krank", vor allem wenn sie über längere Zeit und systematisch betrieben werden, bestätigt Günther Jonitz, stellvertretender Präsident der Ärztekammer Berlin.Deshalb landen die meisten Mobbing-Opfer auch früher oder später beim Arzt.Medikamente, Kuren oder schlimmstenfalls der vorzeitige Abschied ins Rentenalter kosten die Kranken- und Sozialkassen Millionen, schätzt die Gesellschaft gegen psychosozialen Streß und Mobbing e.V.Berlin (GPSM), die bereits fünf Jahre besteht und aus diesem Anlaß zur Diskussion zum Thema Mobbing ins Haus der Berufsgenossenschaften bat. Auch wenn die deutsche Forschung in diesem Bereich im Unterschied zu Skandinavien erst in den 90er Jahren in Gang kam, werde das Problem heute in den Unternehmen gesehen, glaubt Renate Schauer, Betreuerin eines Mobbing-Telefons und Autorin des Buches "Mobbing - kostenspielige Kränkung am Arbeitsplatz".Oft fehle in den Betrieben aber noch das Bewußtsein, eine Mobbing-Situation rechtzeitig zu erkennen - und zu schlichten, meint Schauer. Peter Kehl, stellvertretender Geschäftsführer des Landesverbandes der gewerblichen Berufsgenossenschaften, sieht Mobbing vor allem als Nebenprodukt betrieblicher Fehlorganisation.Im organisatorischen "Niemandsland", und überall dort, wo sich Zuständigkeiten überschneiden, können Konflikte entstehen.Er empfiehlt deshalb, den Aufgabenbereich am Arbeitsplatz klar abzugrenzen: "Dann kann Mobbing erst gar nicht entstehen." Auch Kurse zu Konfliktmanagement können helfen, so Kehl. Etwa 1,5 Millionen, das sind sechs Prozent der Arbeitnehmer, leiden in Deutschland unter Mobbing.Was oft mit kleinen Bemerkungen, etwa zu Aussehen oder Kleidung, anfängt, endet nicht selten mit dem Gang zum Psychiater."Ärztlich psychotherapeutische Stigmatisierung", nennt dies der Hamburger Facharzt für Neurologie und Psychiatrie, Dieter Groeblinghoff.Die Betroffenen bekommen dadurch möglicherweise einen Stempel aufgedrückt, der lebenslang halten kann, gibt er zu bedenken. Bestimmte Typen von Mobbern gibt es nicht.Meist werde jedoch von oben gemobbt."Dreiviertel aller Mobber sind Vorgesetzte", so Schauer.Die Opfer sind meist Mitarbeiter, die sich weniger gut verteidigen können.Oftmals Frauen, "die eine hohe Naivität gegenüber den ungeschriebenen Gesetzen des Arbeitsmarktes haben", so Schaurer.Das Hauptmotiv dabei ist Neid, vor allem auf das berufliche Können des anderen.Angesichts steigender Angst vor Arbeitslosigkeit ein wichtiger Aspekt.Deshalb sehen Kollegen auch meistens tatenlos zu."Jeder hat Angst, er könnte der nächste sein", so Udo Joel, Vorstand der GPSM. Hierzulande gibt es auch keine gesetzlichen Regelungen oder gar einen Mobbing-Paragraphen.Mobbing-Fälle sind zudem schwer zu quantifizieren, sagt der Berliner Rechtsanwalt Hans-Christian Ströbele, der jüngst einen Fall bei der Berliner Polizei betreute.Hinter jeder Anzeige wegen Beleidigung oder sexueller Belästigung kann Mobbing stehen.Wenn die Situation eskaliert und der Arbeitgeber den Konflikt nicht intern regeln kann, geht der Fall vor Gericht.Doch das ist oft der falsche Weg, sagt Schauer.Denn dann seien die Fronten so verhärtet, daß auch eine gerichtliche Entscheidung wenig retten kann.Was bleibt, sind verzweifelte Menschen. Mobbing-Info-Telefon der GPSM: donnerstags 18-20 Uhr 030/715 22 977

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