Wirtschaft : Milch und Waffen entscheiden die Wahl

In den „Swing-States“ liegen Bush und Kerry in den Umfragen gleichauf – hier zählt jede Stimme

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Von Jacob M. Schlesinger und Shailagh Murray Wer in Zukunft die USA regiert – diese Frage hängt vom Irak, dem Terrorismus, dem Gesundheitssystem und nicht zuletzt den Milchsubventionen ab. Präsident George W. Bush und der Demokrat John Kerry liefern sich in Meinungsumfragen ein Kopfan-Kopf-Rennen. Der Bundesstaat Wisconsin und seine Milchbauern dürften das Zünglein an der Waage sein. Wenn daher Bush in letzter Zeit Wahlkampf in Wisconsin gemacht hat, erweiterte er seine Standard-Aussagen zur Wirtschaft – und versprach, die Milchsubventionen weiter zu zahlen. Die 15000 Milchbauern in Wisconsin sehen mit Angst dem Auslaufen des Programms „Milk Income Loss Contract“ entgegen.

Das Beispiel zeigt, dass es zwei amerikanische Wahlkämpfe gibt. Im ersten streiten Bush und Kerry darüber, wer besser die Nation verteidigt, sich stärker der Sorgen der Mittelklasse annimmt und über andere aktuelle Tagesthemen. Dieser Wahlkampf wird in den Fernsehduellen, in den Abendnachrichten und landesweiten Werbekampagnen ausgefochten. Im zweiten Wahlkampf geben Bush und Kerry ihren Senf zu Randthemen wie Milchsubventionen ab. Derartige Fragen lassen die meisten Wähler kalt, bewegen aber umso stärker die Gemüter einzelner Wählergruppen, die dieses Mal besonders viel Gewicht haben. Wie schon im Jahr 2000 könnten auch am 2. November wenige Stimmen über den Ausgang der Wahlen entscheiden.

In einem Dutzend Bundesstaaten, darunter Ohio, Pennsylvania, Wisconsin und Nevada, liegen Bush und Kerry in Meinungsumfragen nah beieinander. In diesen „Swing States“ bestimmen ein paar tausend Stimmzettel über den Wahlausgang im Bundesstaat und letztlich darüber, wer der nächste US-Präsident wird. Umso entscheidender ist es für Bush und Kerry, auf die Wählerinteressen in den „Swing States“ einzugehen. Manchmal sind die Wähleranliegen an den Bundesstaat gebunden: Der Bevölkerung in Wisconsin geht es um Milchsubventionen, in Nevada steht das atomare Endlager im Vordergrund und in Florida ist man gegen neue Reisebeschränkungen für Kuba.

Manchmal bewegt die Wählergemüter aber auch ein gemeinsames Thema: Evangelischen Christen ist die gleichgeschlechtliche Heirat ein Dorn im Auge; und Jagdnarren aus ganz Amerika sind grundsätzlich gegen Einschränkungen des Waffenbesitzes. Von emotionsgeladenen Themen wie der Homosexuellen-Heirat profitieren in der Regel die Republikaner. Dieses Jahr haben aber auch die Demokraten etwas für sich entdeckt: Verstöße gegen das Wahlrecht von Afro-Amerikanern im Jahr 2000.

Zahlreiche Afro-Amerikaner wurden bei den vergangenen Präsidentschaftswahlen unter dubiosen Umständen von den Wahllisten gestrichen. Die Demokraten hoffen, dass sie durch Anprangerung dieses Faktes die ethnische Minderheit zur Stimmabgabe motivieren. Immerhin gehören Afro-Amerikaner zu den treuesten Wählern der Demokraten. Neben Themen wie den afro-amerikanischen Wählerstimmen und Milchsubventionen dürfte die Frage des Waffenbesitzes den Wahlausgang mit beeinflussen.

In den Fernsehduellen ging es nur einmal um dieses Thema. Die meisten Meinungsforschungsinstitute setzen Waffen nicht einmal auf die Themenliste, die sie die Wähler nach Prioritäten gewichten lassen. Nichtsdestotrotz ist der Besitz von Schusswaffen seit vielen Jahren ein wichtiges Wahlkampfthema. Demokraten sind der Meinung, ihr Einsatz für ein Waffenverbot habe sie 1994 die Mehrheit im Kongress gekostet. Und Bill Clinton sagte in einer Talk-Show, dass Al Gore aus dem gleichen Grund in den Bundesstaaten New Hampshire, Missouri, Arkansas und seinem Heimatstaat Tennessee verloren habe – und damit auch den Einzug ins Weiße Haus verfehlte.

Der Verband der Waffenlobbyisten „National Rifle Association“ (NRA) erwartet, dass die Waffenfrage Bush in mehreren „Swing States“ zum Sieg verhelfen wird. Kerrys Wahlkampfhelfern ist durchaus bewusst, wie pikant das Thema ist: Senator Kerry hebt bei Wahlkampf-Auftritten in Ohio immer hervor, dass er seit langer Zeit ein Jagdliebhaber sei. Und als er vor einer Woche mit seiner Bus-Karawane übers Land fuhr, hielt er an einem Lebensmittelladen und erwarb eine Jagdlizenz – natürlich vor Augen der Kameras und Fernsehteams.

Übersetzt und gekürzt von Christian Frobenius (Außenpolitik), Matthias Petermann (Teresas Millionen), Tina Specht (US-Wirtschaft), Svenja Weidenfeld (Teresas Millionen II) und Karen Wientgen (Swing States).

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