Millionen für US-Forscher : Gegen den letzten Klecks in der Ketchup-Flasche

Investoren zahlen zwei Forschern 16 Millionen Dollar für eine neuartige Beschichtung, mit der auch der letzte Rest Ketchup aus Flaschen und Tuben gleitet. Aber ist sie wirklich harmlos?

Zähflüssig. Mit einer neuen Beschichtungsmethode sollen Flaschenreste verhindert werden. Foto: Imago/UIG
Zähflüssig. Mit einer neuen Beschichtungsmethode sollen Flaschenreste verhindert werden. Foto: Imago/UIGFoto: imago/UIG

Klopfen, drücken, schütteln, auf den Kopf stellen: Im Laufe der Jahre haben Verbraucher weltweit die verschiedensten Techniken entwickelt, um den letzten Rest Ketchup, Mayonnaise, Zahnpasta oder Shampoo aus Flaschen und Tuben zu bekommen. Vielleicht gehört das bald der Vergangenheit an: Amerikanische Forscher wollen mit einer neuartigen Beschichtung den idealen Weg gefunden haben, Konsumenten das Leben zu erleichtern und tonnenweise Müll zu vermeiden. Ein von den Wissenschaftlern gegründetes Unternehmen hat jetzt Millionensummen von Investoren erhalten, damit der reibungslose Ketchup-Fluss bald beginnen kann.

David Smith und sein Professor Kripa Varanasi am angesehenen Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Boston waren eigentlich auf der Suche nach Wegen, die Eisbildung auf Flugzeugflügeln zu verhindern und einen besseren Fluss von Rohöl in Pipelines zu ermöglichen, als sie auf die Idee der „LiquiGlide“-Beschichtung kamen. Dabei wird zum Beispiel das Innere einer Ketchup-Flasche mit einer dünnen gleitfähigen Schicht bedeckt, die den Ketchup abperlen lässt. Die Schicht ist eine Kombination aus einem festen Stoff und einer Flüssigkeit, die daran haftet und eine dauerhaft rutschige Oberfläche bildet.

Nicht nur Ketchup und Mayonnaise im Sinn

Hunderte von möglichen Kombinationen verschiedenster Stoffe fand das Team von Smith und Varanasi, was die Idee sehr anpassungsfähig macht. Einer der Vorteile bestehe darin, dass Stoffe aus Nahrungsmitteln verwendet würden, sodass die LiquiGlide-Oberfläche völlig bedenkenlos für Lebensmittel wie eben Ketchup verwendet werden könne, sagt Varanasi. Ein Youtube-Video, das die Entleerung einer Ketchup-Flasche mit LiquiGlide-Beschichtung zeigt, wurde fast 700.000-mal angeklickt.

Smith und Varanasi sind keineswegs die ersten oder einzigen Forscher, die sich mit essbaren Beschichtungen befassen. Schon vor vier Jahren berichtete der Wissenschaftler Attila Pavlath bei einem Vortrag vor der American Chemical Society von einer 100-Millionen-Dollar-Industrie, die Lebensmittel beispielsweise mit Wachs oder Stärke beschichtet.

Aber die MIT-Pioniere haben nicht nur Ketchup und Mayonnaise im Sinn. Außerhalb von Küchen und Wohnzimmern könnte die Erfindung den Forschern zufolge unter anderem im Energiesektor verwendet werden, etwa zur Beschichtung von Dampfturbinen in Kraftwerken.

Müllvermeidung und besseres Recycling gehören laut den Machern ebenfalls zu den Vorteilen der inzwischen patentierten MIT-Erfindung. Rund 760 Millionen Liter an Soßen, Shampoo, Farben oder anderen Produkten landeten jedes Jahr auf dem Müll, weil die Reste in Flaschen und Tuben klebten, sagte David Smith der BBC. Nicht alle Verbraucher waschen ihre Ketchup-Flaschen sauber aus, bevor sie sie in die Tonne werfen. Saubere Ketchup-Flaschen sind wesentlich leichter zu recyceln, sagen die Wissenschaftler von LiquiGlide.

Kritiker warnen vor noch mehr Verschwendung

Zu den Investoren, die sich von Smith und Varanasi überzeugen ließen, gehört die Firma Structure Capital, die sich unter anderem auch beim Fahrdienst Uber engagiert. Mit insgesamt 16 Millionen Dollar an Investitionen wollen die forschenden Unternehmer die Markteinführung ihres Produktes beschleunigen. Wann der reibungslose Ketchup in die Supermärkte kommt, ist nicht bekannt.

Noch glauben nicht alle daran, dass die MIT-Forscher eine Lösung ohne Nachteile gefunden haben. In Kommentaren des Youtube-Videos wird argwöhnisch gefragt, ob die Beschichtung wirklich harmlos sei. Einige werden misstrauisch, weil die Wissenschaftler behaupten, keine eigene Genehmigung von den Aufsichtsbehörden zu brauchen, weil die verwendeten Stoffe auf Nahrungsmittelbasis ja bereits zugelassen seien.

Zu mehr Sparsamkeit der Verbraucher führt LiquiGlide auch nicht unbedingt. Auf der Internetseite der Firma werden potenzielle Abnehmer in der Industrie jedenfalls mit dem Argument geködert, problemlos fließender Ketchup bedeute nicht weniger, sondern mehr Konsum: Dank des leichten Entleerens werde der Verbraucher rascher als bisher die nächste Flasche kaufen.

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