Wirtschaft : Mit Gazprom läßt sich trefflich regieren - dagegen kaum

MARKUS ZIENER (HB)

MOSKAU . Wenn Rem Wjachirew etwas Wichtiges mitzuteilen hat, geschieht dies zumeist auf dem kleinen Dienstweg. Da werden keine Faxe verschickt oder Presseagenturen bemüht, sondern es genügt ein Anruf bei einem Hofjournalisten. Der erscheint dann geflissentlich - und rückt zügig ein ausführliches Interview ins Blatt.Wenn der kleine, untersetzte Mann spricht, wird hingehört. Wjachirew ist nicht irgendeiner, er ist Chef der Gazprom, der einflußreichsten Wirtschaftseinheit Rußlands. Vergangene Woche war wieder einmal so ein Tag. Wjachirew wollte reden und bestellte die Redakteure des "Kommersant" zu sich ein. Vieles stand dann am nächsten Morgen in aller Ausführlichkeit in dem Wirtschaftsblatt zu lesen, Interessantes und Nebensächliches, Provozierendes und Nichtssagendes. Aber vor allem philosophierte Wjachirew über sich und die Welt. Selbstsicher sah sich der bald 65jährige auf dem Chefsessel bis ins Jahr 2001 wirken. Nicht immer im besten Russisch, aber zumindest als Botschaft verständlich: Mir, Rem Iwanowitsch Wjachirew, kann keiner. Der Machtcocktail des obersten Chefs, dessen Vorname sich aus den Initialen der Worte Revolution, Engels und Marx zusammensetzt, ist dabei clever gemixt. Er besteht aus einem unermeßlichen Rohstoffschatz, glänzenden Beziehungen und einem sorgsam polierten Nimbus. Die Rezeptur macht das 350 000 Mitarbeiter umfassende Imperium zur unantastbaren Ikone. Nach sieben Jahren an der Spitze der Gazprom hat Wjachirew die probate Mischung ausgiebig getestet. Wjachirews Selbstsicherheit nährt sich aus reicher Erfahrung und aus dem Wissen, schon so manchen Sturm überstanden zu haben. Vor allem im Frühsommer 1998 waren die Begehrlichkeiten der Regierung des jungen Ministerpräsidenten Sergej Kirijenko gegenüber Gazprom nahezu unersättlich. Gemeinsam mit Boris Nemzow, dem Hoffnungsträger aus Nischnij Nowgorod, wollte Kirijenko den Gaskonzern von zwei Seiten in die Zange nehmen.Während einerseits die Steuerschulden in Milliardenhöhe eingetrieben werden sollten, wollte der ehrgeizige Premier den Monopolisten gleichzeitig auch als Instrument im Kampf gegen den wuchernden Barterhandel einsetzen. Kirijenko hatte richtig erkannt, daß der ausufernde Tauschhandel eines der Kernübel der russischen Misere ist. Und Gazprom spielt in diesem Teufelskreis eine zentrale Rolle. Denn schickt der Konzern seine Energie an heimische Abnehmer, erhält er als Gegenleistung im seltensten Fall echtes Geld.Meist wird "gebartert", wird mit Röhren, Traktoren oder Kühlschränken für das Gas bezahlt. Ganze 18 Prozent der Inlandsrechnungen des Gasriesen werden in Rubel beglichen. Doch gleichzeitig stammen alleine 25 Prozent der staatlichen Haushaltseinnahmen aus den Kassen der Gazprom. Doch je mehr gebartert wird, desto trüber sieht es auch für den Staatsetat aus. Mit Hilfe von Gazprom sollte dieser Teufelskreis durchbrochen werden. Doch das Ergebnis ist bekannt: Der Rubel kippte, Kirijenko mußte im August 1998 schon nach fünf Monaten gehen.Seither überlegt sich jeder Premier gründlich, ob es seiner Karriere dient, Gazprom herauszufordern. Mehr denn je gilt deshalb, daß sich mit Gazprom trefflich regieren läßt, gegen Gazprom indes kaum. Einer, der diesen Lehrsatz stets beherzigt hat, ist der "Gasowik" Viktor Tschernomyrdin. Der Ex-Premier regierte über fünf Jahre im Weißen Haus und lieferte sich mit seinem ehemaligen Arbeitgeber lediglich dann und wann ein paar Scheingefechte für die Öffentlichkeit. Doch wirklich verändert hat sich auch unter dem Ex-Gazprom-Chef nichts. Weder Tschernomyrdin noch Wjachirew, noch dessen designierter Nachfolger, Gazprom-Vize Wjatscheslaw Scheremet, sind im eigentlichen Sinne Reformer. Ihr Ziel ist es vielmehr, den Konzern als Einheit, das geschlossene System Gazprom, zu erhalten und vor dem Zugriff anderer zu schützen. "Ziemlich sowjetisch" nennt diese Unternehmenspolitik James Henderson, Öl-Experte der Moskauer Researchfirma MFK Renaissance. Im Zweifel bleibe man eben der Strategie treu, mit den Gewinnen im Ausland die Defizite im Inland zu finanzieren.Denn die entstehen durch den Spagat, in den sich die Moskauer Gasmanager begeben müssen. Zwar kann der größte Gaskonzern der Welt auf den Auslandsmärkten als Wettbewerber mit der westlichen Konkurrenz problemlos mithalten. Doch gleichzeitig muß Gazprom im Inland das Gas zu Niedrigpreisen verkaufen. Gazprom kann diese Politik kritisieren, doch nicht ändern. Hier ist der Staat stärker. Daß die Empfänger der Gazprom-Energie häufig nicht einmal in der Lage sind, das Billiggas zu bezahlen, kommt noch erschwerend hinzu. Wettbewerbspreise im Ausland, administrierte Tarife im Inland - der schlaue Konzernchef kann die politischen Zwänge immer wieder ins Feld führen, wenn die Versuche überhandnehmen, die "cash cow" Gazprom allzu kräftig zu melken. So richtig unglücklich ist der gelernte Gasingenieur deshalb auch nicht über den Verlust, den er seinen Aktionären auf Hauptversammlung am Dienstag präsentieren mußte. Der Fehlbetrag nach Steuern von 42,5 Mrd. Rubel (rund 3,4 Mrd. DM) verschafft Gazprom auch ein Argument gegen neuerliche Zudringlichkeiten. Zudem hilft ein abwertungsbedingter Trick: Die in der Rubel-Zone entstandenen, aber in Dollar gerechneten Verluste haben sich seit dem Währungssturz vom 17. August 1998 auf dem Papier vervierfacht, bleiben aber in Rubel niedriger. In Wahrheit konnte das Unternehmen sogar seine Devisenbilanz seit der Abwertung erheblich aufbessern. Die Aktionäre werden deshalb auch trotz der Verluste mit der Arbeit ihres Vormanns zufrieden sein.Und wer sollte ihn auch ernsthaft gefährden? Als Treuhänder des Staatsanteils von rund 35 Prozent ist Wjachirew sein eigener Großaktionär. Ob er zudem noch persönlich über Aktien verfügt, bleibt ein Rätsel. Das US-Magazin Forbes taxierte Wjachirews Vermögen einmal auf 1,1 Mrd. Dollar. Wieviel einige Gazprom-Aktien wert sein können, hatte zuletzt die Ruhrgas AG, heute Besitzer von 4 Prozent, belegt. Die zahlte alleine für ihre Anfangsbeteiligung von 2,5 Prozent Ende letzten Jahres 660 Mill. Dollar.

0 Kommentare

Neuester Kommentar