Wirtschaft : „Mit uns kann man über alles reden“

IG-Metall-Bezirksleiter Jörg Hofmann über die Grenzen der Kompromissbereitschaft in der Tarifrunde

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Herr Hofmann, der Auftakt der Tarifrunde war ruhig, und die Arbeitgeber haben sich gewundert, dass es nicht einmal Demonstranten mit Trillerpfeifen gab, wie das sonst üblich ist.

Die erste Gesprächsrunde fand Mitte Dezember statt. Es war schon etwas vorweihnachtlich geprägt. Aber ich bin sicher, dass wir ab 8. Januar, wenn wir die Verhandlungen fortsetzen, mehr Publikum haben.

Sind die Metaller ausreichend mobilisiert?

Die Friedenspflicht endet erst Ende Januar, wir haben also noch ein paar Wochen Zeit. In diesen Wochen wird die Tarifrunde in den Köpfen und Herzen unserer Mitglieder ankommen und hinreichend Schwung kriegen.

Stehen die Metaller geschlossen hinter der Forderung nach vier Prozent mehr Lohn?

Davon bin ich überzeugt. Auch weil die Bandbreite der Vorstellungen unserer Mitglieder zwischen 3,5 und 4,5 Prozent ziemlich eng zusammen liegt. Das war 2002 anders, damals gab es Forderungen in den Betrieben, die bei vier Prozent anfingen und bis zwölf Prozent hoch gingen. Entsprechend war der Druck auf uns natürlich höher.

Sind die Arbeitnehmer realistisch geworden?

Im vergangenen Jahr gab es noch die so genannte nachlaufende Erwartung: 2001 waren die Reallöhne gesunken, weil der Tarifabschluss niedrig, die Inflationsrate aber relativ höher war. Dies wollten die Beschäftigten ein Jahr später ausgeglichen haben. Eine solche Erwartungshaltung haben wir jetzt sicher nicht, weil der Abschluss 2002 die Reallöhne gesichert und uns verteilungspolitisch sogar nach vorne gebracht hat. Im Übrigen wird auch gesehen, dass es in manchen Betrieben akute Beschäftigungsprobleme gibt.

Die Arbeitgeber wollen unbedingt flexiblere Arbeitszeiten einführen. Wie weit können Sie da mitgehen?

Die Forderung der Arbeitgeber kann man nicht wegdenken. Wir müssen uns also damit beschäftigen. Aber den Arbeitgebern geht es nicht um eine flexiblere Arbeitszeit. Sie sehen in der Verlängerung der Arbeitszeit eine elegante Methode, die Arbeitskosten zu senken. Es geht also weniger um Arbeitszeit als um Arbeitskosten.

Wenn die Arbeitskosten sinken, werden die Unternehmen wettbewerbsfähiger, bekommen mehr Aufträge und können zusätzliche Leute einstellen.

Das ist doch ein Märchen. Selbst im Arbeitgeberlager wird eingeräumt, dass man den Prozess der Verlagerung einfacher Tätigkeiten in Niedriglohnländer nicht stoppen kann. Durch die EU-Osterweiterung wird es zusätzlichen Druck geben. Und dagegen kommen wir nicht an, selbst wenn die Löhne hier um zehn Prozent sinken würden.

Aber wie kommt man dagegen an?

Wir müssen den Strukturwandel so gestalten, dass langfristig Beschäftigung gesichert wird. Wo sind die Innovationschancen? Was bedeutet das für die Qualifizierung und die Arbeitsorganisation? Welche innovativen Produktlösungen sind möglich? Inzwischen gibt es auch wieder Unternehmen, die hier investieren und auf Innovationen setzen.

Zum Beispiel?

Die Firma Voith in Heidenheim. Dort wird eine Musteranlage für Papiermaschinen gebaut. Dies trägt dazu bei, daß die Entwicklungsabteilung des Unternehmens langfristig in Heidenheim bleibt. Dazu mussten die Beschäftigen auf einen Teil der übertariflichen Zulagen verzichten. Solche Zugeständnisse sind möglich, um eine Investitionsentscheidung positiv beeinflussen zu können.

Die Arbeitgeber wollen solche Zugeständnisse nun mit dem Instrument einer Öffnungsklausel erleichtern.

Es gibt da auf Arbeitgeberseite ganz unterschiedliche Begründungen. Bei Vertretern von Großbetrieben heißt es, dass dadurch Standortentscheidungen positiv beeinflusst werden könnten. Dagegen betonen kleinere Firmen, dass mit Einsparungen bei ihren Mitarbeitern das Eigenkapital verbessert werden könne. Und die dritte Argumentation lautet, wenn plötzlich ein großer Auftrag eingeht, dann müsse man schnell reagieren, und mit dem Betriebsrat eine längere Arbeitszeit verabreden können.

Was ist daran falsch?

Gar nichts. Deshalb ist dies auch heute schon möglich. Jeder Arbeitgeber kann im Rahmen der Tarifverträge und in Absprache mit dem Betriebsrat seit Jahren die Arbeitszeit völlig kapazitätsorientiert gestalten. Die aktuelle Debatte darüber ist also etwas drollig.

Aber warum fordern die Arbeitgeber, was es schon gibt?

Sie wollen eine Elastizität des Lohnes. Die Leute sollen gegebenenfalls bei unverändertem Einkommen länger arbeiten. Dadurch sinkt der Stundenlohn. Für die Arbeitgeber ein gutes Geschäft. Aber für uns gilt der Grundsatz: geleistete Arbeit muss auch bezahlt werden.

In welcher Richtung muss man sich dann einen Kompromiss vorstellen?

Gesamtmetall-Präsident Martin Kannegiesser reitet das Pferd namens Öffnungsklausel ja ständig und hat dadurch eine Erwartungshaltung in den eigenen Reihen aufgebaut. Wir müssen eine Form finden, eine Verhandlungsebene, auf der den Unternehmen das kurzfristige Reagieren auf Auftragsschwankungen weiter erleichtert wird. Für uns nicht verhandelbar ist eine Verlängerung der Arbeitszeit, die zu einer einseitigen Belastung der Beschäftigten führt. Davon abgesehen kann man mit uns über alles reden.

Das Gespräch führte Alfons Frese

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