Wirtschaft : Mobilfunk-Flaute: Siemens vom rückläufigen Markt erfasst

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Der weltweit rückläufige Markt für Telekommunikation zwingt nun auch die Siemens AG zur Reduzierung der Kosten. In Budapest kündigte Siemens-Chef Heinrich von Pierer an, im Mobilfunk- und Netzwerkbereich 6100 Stellen zu streichen - allein 4000 in Deutschland. Siemens folgt damit der Konkurrenz. Die Fertigungsstandorte der Branche in Deutschland, sagen Experten, werden die Marktbereinigung jedoch unbeschadeter überstehen als in anderen Teilen der Welt. Der Grund: Die hohe Produktivität.

Abbau von zu großen Produktionskapazitäten, Kosteneinsparung und Verringerung der übervollen Lager: Seit Wochen jagt eine Negativmeldung aus der Telekommunikationsbranche die anderen. Das Geschäftsumfeld werde sogar "noch schwieriger", sagte Siemenschef Heinrich von Pierer bei der Vorlage der Halbjahresbilanz am Donnerstag in Budapest. Weltweit werde Siemens 6100 Stellen abbauen. Deutschland sei besonders betroffen. Hier würden 4000 Arbeitsplätze abgebaut. Bereits vor Tagen gab Siemens bekannt, dass 2600 auslaufende Arbeitsverträge in Leipzig, Bocholt und Kamp-Lintfort nicht verlängert werden. Nun kommen noch 1400 Jobs im Netzwerkbereich dazu. Sie würden gestrichen weil Unternehmenskunden zurückhaltend beim Aufbau von Netzwerken seien. Außerhalb Deutschlands würden weitere 2100 Jobs in diesem Bereich nicht weiter besetzt.

Von Pierer gab bekannt, dass die Umsätze mit Siemens-Handys zurück gingen. Dort fiel ein Quartalsverlust von 143 Millionen Euro an. Den weltweiten Markt taxiert Siemens in diesem Jahr noch auf 450 Millionen Mobiltelefone nach 500 Millionen im vergangenen Jahr. Vor 12 Monaten rechnete die Branche noch mit 600 Millionen Handys, die 2001 nachgefragt würden. Prognosen über die Aussichten für die kommenden beiden Quartale wollte Pierer deshalb nicht mehr machen, was an der Börse als verdeckte Gewinnwarnung verstanden wurde. Die Siemens-Aktie gab nach: Sie fiel bis zum Nachmittag um 5,07 Prozent auf 121,07 Euro. Der Konzerngewinn sank im zweiten Quartal des Geschäftsjahres, also von Januar bis März 2001, auf 578 Millionen Euro. Dies war ein Rückgang von elf Prozent. Ohne die mehrheitlich von Siemens beherrschte Tochterfirma Infineon konnte Siemens seinen Quartalsgewinn um neun Prozent auf 562 Millionen Euro steigern. Der Umsatz legte um acht Prozent auf 19,2 Milliarden Euro zu. Siemens kündigte an, ihre Beteiligung an Infineon von derzeit 71 Prozent auf 56 Prozent zu verringern.

Matsushita verfehlt Prognose

Auch der französische Netzwerkausrüster Alcatel zog am Donnerstag die Reißleine. Nachdem Erisson und Sony in Zukunft Handys in Kooperation fertigen wollen und Stellen abbauen, Motorola 7000 Handy-Montierer in Schottland entlässt und Philipps, Cisco und Nortel in großem Umfang Kosten einsparen wollen, überträgt Alcatel seine Handy-Produktion dem amerikanischen Elektronik-Konzern Flextronics, einem so genannten Billighersteller. Angesichts einer allgemeinen Überschuss-Produktion müssten die Lager abgebaut werden, sagte Alcatel-Vorstandschef Serge Tchuruk. Der Umsatz legte im ersten Quartal mit 7,4 Milliarden Euro um 21 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum zu. Für das gesamte Jahr hat Alcatel seine Wachstumserwartungen allerdings heruntergeschraubt. Der Konzern erwartet jetzt eine Zunahme der Verkäufe um fünf bis 15 Prozent, statt 20 bis 25 Prozent ausgegangen.

Den dritten Dämpfer der Branche lieferte gestern die zu den größten Handy-Herstellern der Welt zählende japanische Matsushita. Sie hat im vergangenen Geschäftsjahr ihre eigenen Prognosen verfehlt. Der Konzerngewinn im Geschäftsjahr 2000/01 sei auf 33,87 Milliarden Yen (rund 600 Millionen Mark) gefallen. Prognostiziert waren 38,5 Milliarden Yen, für 2001 wird nur noch mit 26,5 Milliarden Yen.

An den Fertigungsstandorten in Deutschland, sagte Manfred Breuel, Referent beim High-Tech-Bundesverband Bitkom in Berlin, werde die weltweite Mobilfunk-Flaute allerdings vergleichweise glimpflich vorüber gehen. "Die Werke sind meist effizienter als die Konkurrenz". Die Unternehmenssprecher von Nokia (Handyfertigung mit 3000 Mitarbeitern in Bochum) und Alcatel (17 000 Mitarbeiter) in Deutschlands bestätigten diesen Trend auf Nachfrage. Allein bei Motorola (2200 Mitarbeiter in Flensburg) werde bis mindestens zum dritten Quartal kurz gearbeitet, sagte eine Sprecherin dem Tagesspiegel.

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