Wirtschaft : Möbel ohne Zwang

Vitra lud zum Firmenjubiläum Designer ein, Möbel völlig frei zu gestalten

Rolf Brockschmidt

Designer leben von ihren Ideen, aber nicht immer lassen sich die Ideen in letzter Konsequenz umsetzen, wenn sie mit ihrem Entwurf zum Hersteller gehen. Oft müssen Kompromisse geschlossen werden – eine serielle Produktion verlangt bestimmte Bedingungen, das Marketing entscheidet unter Umständen mit über die Marktfähigkeit des Möbels. Dann kann es passieren, dass der Entwurf wieder zurück zum Designer geht und er höflich um eine Überarbeitung gebeten wird.

Was aber, wenn ein Designer seine kühnen Träume wirklich ausleben kann, ohne Rücksicht auf alle üblichen Sachzwänge zu nehmen – sozusagen Haute Couture zu entwerfen?

Der Schweizer Möbelhersteller vitra, ohnehin bekannt für seine ungewöhnlichen Aktionen, ist dieses Wagnis bereits vor 20 Jahren aus Anlass des 30-jährigen Firmenjubiläums eingegangen und hatte damals Designer wie Ettore Sottsass, Ron Arad, Shiro Kuramata, Scott Burton, Frank Gehry, Richard Artschwager, denis Santachiara und Gaetano Paese um Entwürfe gebeten, um einen Prototyp für einen Stuhl oder Sessel herzustellen. Manche dieser Werke sind heute Stilikonen ihrer Zeit, Objekte, die man immer wieder in Ausstellungen oder Büchern sieht. Dazu gehören vor allem der „Well Tempered Chair“ von Ron Arad, ein kühl und unwirtlich scheinender Metallsessel, der aber so viel Schwung hat, dass er wie eine Skulptur aussieht. Ähnlich weit haben Shiro Kuramata und Frank Gehry die Grenzen zwischen Möbel und Skulptur verschoben. Was lag also näher, als nun – 20 Jahre später – zum 50. Geburtstag des „Projekts vitra“, wie es das Unternehmen selber nennt, eine neue Edition zu wagen und wieder Designer und Architekten um ihre ganz persönlichen Entwürfe zu bitten?

Eingeladen wurden von Rolf Fehlbaum folgende Künstler: Ron Arad, Jürgen Bey, Ronan & Erwan Bouroullec, Fernando & Humberto Campana, Naoto Fukasawa, Frank Gehry, Konstantin Grcic, Hella Jongerius, Greg Lynn, Jürgen Mayer H., Alberto Meda, Jasper Morrison, Jerszy Seymour und Tokujin Yoshioka.

Einige dieser Designer und Architekten sind dem Haus vitra schon lange verbunden, andere wie Konstantin Grcic Fernando und Humberto Campana, um nur einige zu nennen, waren schon ins Blickfeld des Unternehmens geraten, sind aber nun mit ihren Entwürfen zum ersten Mal dabei. Wer weiß, was daraus wird. Aber das ist auch das Kalkül der Edition.

„Obwohl solche Experimente vielleicht nur eine kleine Gruppe von Leuten interessieren, kann ihre Wirkung erheblich sein, da sie neue Erfahrungen und Einsichten hervorrufen können. Experimentelle Objekte wollen oft keine praktischen Probleme lösen, sondern sind Manifestationen der kreativen Intelligenz des Designers und Architekten, Ausdruck einer kritischen Position, einer utopischen Sehnsucht oder einer formalen Phantasie“, schreibt Fehlbaum in der Broschüre, „die Vitra Edition ist sowohl Prozess als auch Resultat.“

Ergebnis dieser Edition sind exzentrische Objekte wie etwa „Drosera“ von Fernando & Humberto Campana. „Drosera“ besteht aus zwei aus Kupferdraht gewebten großen Taschen, in denen sich alles möglich verbergen lässt. eher ein Kleidungsstück als ein Möbel, ein ungewöhnlicher Blickfang. Oder „Mamma Cloud P“, eine Lichtskulptur aus Polyestervlies, die im Raum zu schweben scheint. Das Material sieht aus wie Papier, hat aber die aufgedruckte Struktur von Holz. Eine Wolke, die nur noch in ihren äußeren Umrissen an etwas Natürliches erinnert. Die Wolke ist wiederum aus vielen Einzelteilen zusammengeklammert. Ein anderes Objekt, das die Grenzen des Üblichen sprengt, ist „Landen“ von Konstantin Grcic. Im Prinzip ist es eine lange Parkbank, die zu einem runden Möbel zusammengeschlossen wurde, mit vier Rücklehnen in jeder Himmelsrichtung. Clou ist die runde Öffnung in der Mitte. Wer sich auf dieses Möbel setzen würde, wäre gezwungen, sich mit seinem Sitznachbarn auseinanderzusetzen. Man sitzt darauf wie um ein Lagerfeuer, nur dass dort, wo das Feuer brennen würde, jetzt die Beine stecken. Ein Möbel, das nachdenklich macht und damit einen Zweck der Edition erfüllt. Die Prototypen sind noch bis zum 31. Januar 2008 im Design Museum London zu sehen.

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